von Cliff Brockerhoff

Es war wohl nie so einfach einen Skandal herauf zu beschwören wie im Jahre 2020. Dem Jahr, in dem Corona uns körperlich und mental fordert, und der Alltagstrott nur allzu gern durch Dramaturgisierung aufgepeppt wird. Da kam das zugegebenermaßen fragwürdige Poster zu „Cuties“ wie gerufen. Aufreizend gekleidete Elfjährige in lasziven Posen? Ein Ventil zur Kompensation ward geboren und rief schon vor der Veröffentlichung eine Überflutung bekannter Filmportale mit negativen Bewertungen hervor. Ansonsten völlig gegensätzlich eingestellte Lager waren sich einig: dieser Film gehört verboten! Ein Schlag ins Gesicht der künstlerischen Freiheit und vor allem völlig überzogen. Denn auch wenn der Anblick twerkender Teens in knapper Bekleidung sicherlich befremdlich wirkt, der Grundgedanke des Films ist ein völlig anderer.

Die Handlung ist dabei schnell gezeichnet und begegnet „Amy“, einem farbigen Mädchen an der Schwelle zur Adoleszenz. Verwirrt von der Vermittlung toxischer Ideale, der Veränderung des eigenen Körpers und der Andersartigkeit Gleichaltriger sucht die schüchterne Schülerin Anschluss, und findet ihn bei einer jungen Tanztruppe, die sich auf einen Wettkampf vorbereitet. In krassem Kontrast dazu gestaltet sich die häusliche Situation, die von kultureller Tradition geprägt ist und so gar nicht zum Treiben außerhalb der eigenen vier Wände passt. Coming of age trifft auf High School Musical, autobiographisch geprägt und durchaus fordernd, denn Regisseurin Maïmouna Doucouné vermeidet eine Bewertung des Dargestellten und schiebt diese Aufgabe dem Betrachter zu, der nun vor der schwierigen Aufgabe steht den Film sowohl cineastisch, als auch menschlich bewerten zu müssen. Für viele wohl ein schier unlösbare Aufgabe, anders lässt sich die Forderung nach Zensur kaum erklären.

Denn auch wenn „Cuties“ bewusst aneckt und Netflix sich keinen Gefallen mit der Bewerbung getan hat, sollte jeder halbwegs differenziert denkende Mensch erkennen wie offensichtlich überzeichnet der Film sein Motiv darbietet. Eine Sexualisierung von jungen Mädchen, so lautet zumindest der Tenor der Kritik, lässt sich nicht erkennen. Vielmehr lässt das Werk seine eigene Kritik am heutigen Zeitgeist durchscheinen und setzt sich mit der klassischen Rollenverteilung, dem überbordenden bodyshaming und dem Lechzen nach Anerkennung auseinander. Ob es dafür tatsächlich eine solch drastische Zurschaustellung bedurfte, darüber lässt sich streiten. Aber eines hat der Film ohne Zweifel erreicht: Aufmerksamkeit. Ebenjene Aufmerksamkeit, nach der sich auch die Protagonistinnen so sehr verzehren.

Diese verschlingt unglücklicherweise dann auch einen Großteil der belanglosen Handlung, sodass der Zwiespalt zwischen der Wahrung familiärer Etikette und dem Entkommen des konservativen Korsetts zwar gut ausgearbeitet wird, allerdings keinen Nährboden für einen wirklich guten Spielfilm bietet. Dafür ist das Debüt zu unausgewogen, zu gezwungen drastisch und letztlich einfach zu langweilig. Es mangelt an emotionaler Durchschlagskraft, und der Widerhall des Aufschreis wird schnell verklingen. Angesichts der ehrenwerten Ambition der Filmemacherin und dem Umstand, dass wir es hier mit ihrem ersten Langspielfilm zu tun haben, verzeihlich, denn gute Ansätze sind durchaus vorhanden.

Fazit

Es war zu erwarten: dem Protest des wütenden Mobs wohnt die Insuffizienz inne sich differenziert mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen. „Cuties“ ist albern, kritisch und total überspitzt inszeniert – und dadurch weit weg von „süß“ oder gar „sexy“. Wer das anders sieht und hier lauthals nach einem Boykott krakeelt, hat die Botschaft auf dem falschen Ohr empfangen und größere Probleme als einen schlecht vermarkteten Spielfilm, der sich am Gewicht seiner inhaltlichen Schwere verhoben hat.

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

(50/100)

Bilder: ©Netflix