JD Vance ist zweifelsohne eine der merkwürdigsten Erscheinungen in der MAGA-Welt: Trumps Vizepräsident wandelte sich in wenigen Jahren von einem der schärfsten Trump-Kritiker – er verglich ihn unter anderem mit Hitler – zu einem loyalen Gefolgsmann, dessen Motive kaum ergründbar scheinen. Seit gestern versucht die Doku „JD Vance – Trumps Mann fürs Grobe“ in der ZDF-Mediathek eine Einordnung. Doch auch der bereits 2020 erschienen Netflix-Film „Hillbilly Elegy“ gibt Einblicke: Immerhin basiert der Film auf Vances gleichnamiger Autobiografie.

von Christian Klosz

JD Vance: Vom Never-Trumper zum willfährigen Gehilfen

In den Wirren der US-Politik ist fast untergegangen, dass Netflix 2020 mit „Hillbilly Elegy“ eine Verfilmung des autobiografischen Buchs „Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ von JD Vance veröffentlichte, in dem er sein Aufwachsen im ruralen Amerika und mit einer drogensüchtigen Mutter beschreibt. Das Buch erschien in den USA erstmals 2016, Vance wollte damit auch Verständnis für typische Trump-Wähler wecken.

Er stellte sich damals als jemand dar, der durch sein Yale-Studium seiner „Hillbilly“-Herkunft entwachsen sei, sich aber weiterhin den Menschen des ländlichen Amerikas verbunden fühlte. Und der nun seine Mission darin sah, seine Landsleute vor Trump zu warnen, der „einfache Lösungen für komplexe Probleme“ anbiete. Vor der US-Wahl 2016 nannte Vance Trump ein „moralisches Desaster“ und „Amerikas Hitler“, wie private Nachrichten aus der Zeit belegen. Wie er nun selbst zum Gefolgsmann und Erfüllungsgehilfen des Faschisten Trump wurde, darüber zerbrechen sich Politik-Journalisten seit Jahren den Kopf.

JD Vance 2017
JD Vance 2017

-> Wer ist JD Vance? Seine Rolle im US-Wahlkampf 2024

Dass klar deklarierte Hollywood-Liberale wie Ron Howard (Regie), Glenn Close und Amy Adams (Darstellerinnen) an „Hillbilly Elegy“ daran mitwirkten, erscheint aus heutiger Sicht geradezu kurios. Nach Vances Sinneswandel äußerte sich Howard überrascht und enttäuscht: Bei seiner Arbeit mit Vance am Film hätte er keine großen politischen Ambitionen oder gar autokratische Ideen bei ihm erkennen lassen, so Howard. Aber Menschen würden sich nun mal ändern.

Immerhin bescherte Vances Trump-Kniefall „Hillbilly Elegy“ ein zweites Leben: Als er 2024 zum Vizepräsidentschaftskandidaten gekürt wurde, stiegen in den USA die Aufrufe um bis zu 1180 Prozent, „Hillbilly Elegy“ landete unter den 10 Top-Filmen bei Netflix. Doch worum geht es in dem Film eigentlich? Und kann er dabei helfen, das „Rätsel JD Vance“ zu entwirren? Unsere Kritik zum Film gibt Auskunft.

„Hillbilly Elegy“ auf Netflix: Kritik

von Mara Hollenstein-Tirk

Alles begann 2020 zur Hochphase der Corona-Pandemie: Zur Zeit geschlossener Kinos richteten sich die Blicke vieler Filmfans auf die Streaminganbieter und deren Eigenproduktionen. Und wenn dann plötzlich Namen wie Ron Howard, Amy Adams und Glenn Close auftauchten, waren die Hoffnungen natürlich gewaltig – auch wenn man „Hillbilly Elegy“ als recht unverhohlenen Oscar Bait bezeichnen musste, vor allem aufgrund der Geschichte, die hier erzählt wird.

Diese beruht nämlich nicht nur auf wahren Ereignissen, genauer gesagt sogar auf der Biographie des Hauptcharakters JD Vance, sondern birgt auch noch eine waschechtes Familiendrama, durchzogen von Trauer und Gewalt, sowie den berührenden Lebensweg eines Jungen aus ärmlichen Verhältnissen samt schwerer Kindheit, der den American Dream wahr werden lässt, indem er schließlich seinen Abschluss an der Yale Law School macht. Viel gesellschaftlicher Zündstoff also, der für ein emotional packendes Drama sorgen könnte.

Wie oben bereits erwähnt nahm auf dem Regiestuhl Ron Howard Platz. Ein Mann, der mit Filmen wie „Apollo 13“, „Rush“ und zuletzt „Eden“ bereits bewiesen hat, dass er sich auf die Verfilmung von wahren Begebenheiten versteht. Doch vielleicht liegt gerade auch in der Filmographie Howards ein wenig der Hund begraben, dass „Hillbilly Elegy“ im Vergleich zu seinen vergangenen Großtaten etwas abfällt, denn während die erwähnten Beispiele allesamt ziemlich actiongeladen daherkommen, findet man in darin von Action keine Spur.

Tatsächlich handelt es sich hierbei sogar weniger um ein klassisches Narrativ, als viel mehr um eine Aneinanderreihung von Szenen, Rückblenden, ruhigen Momenten, die in ihrer Gesamtheit eine Geschichte vermitteln sollen – das „Elegy“ im Titel, im Sinne eines Gedichts im Ton wehmütiger Klage, bringt es somit ziemlich gut auf den Punkt.

„Hillbilly Elegy“ fehlt die Tiefgründigkeit

All dies ist auch durchaus fachmännisch inszeniert, mit starken Bildern transportiert und mit passender Musik unterlegt, bleibt allerdings dennoch viel zu oft an der Oberfläche und traut sich nie wirklich in die Tiefe zu gehen. Vielleicht ist das im Drehbuch begründet, welches einem zwar sehr glaubhafte Figuren liefert (kein Wunder, immerhin gibt es reale Vorbilder), die Sympathien und das Verständnis für die Handlungen dieser Figuren rühren aber eher aus dem Wissen und den Erfahrungen des Zuschauers denn aus dem Gezeigten.

Woran es auch liegen mag, dass einen diese dramatische Familiensaga am Ende merkwürdig kalt lässt, eines kann man zumindest sagen: die Schauspieler und ihre Leistungen sind sicher nicht der Grund. Auch wenn Gabriel Basso als eigentlicher Hauptcharakter JD Vance bereits einen ganz ordentlichen Job macht, sind es doch Amy Adams als drogenkranke, gewalttätige Mutter und Glenn Close als etwas ruppige Großmutter, die sich hier die Seele aus dem Leib spielen. Dabei hat Close sogar noch die etwas stärkeren Momente abbekommen, überflügelt dadurch den übrigen Cast.

Glenn Close und Amy Adams als Oma und Mama von JD Vance

Fazit

Viel Potenzial also, dass hier links liegen gelassen wurde, und trotzdem ist „Hillbilly Elegy“ ein Film, den man jedem empfehlen kann, der sich nach ein wenig klassischer, Hollywood’scher Filmkunst sehnt – und sei es nur, um den beeindruckenden Schlagabtausch zwischen Adams und Close würdigen zu können. Oder einen Einblick in das Leben und den Werdegang des aktuellen US-Vizepräsidenten zu bekommen.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(74 von 100)

„Hillbilly Elegy“ ist aktuell bei Netflix zu streamen.

(Info: Die Kritik zu „Hillbilly Elegy“ wurde erstmals 2020 veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um einen erweiterten, ergänzten und aktualisierten Artikel / Stand 24.6.2025. )

Bilder: (c) Netflix bzw. New AmericaSmall Talks DC: Securing the American Dream for Young Children, CC BY 2.0, Link (JD Vance)