Nordkorea ist für viele ein Mysterium: Die völlig von der Welt abgeschottete Autokratie rund um Herrscher Kim Jong Un verschließt sich Blicken von außen, da sie kaum Journalisten ins Land lässt und das, was nach draußen dringt, zentral vom Regime gesteuert ist. Aufschluss geben meist nur Berichte von Geflohenen, denen es unter widrigsten Bedingungen gelungen war, ihre Heimat zu verlassen. Wenngleich sich der junge Machthaber Kim seit Jahren um internationale Akzeptanz bemüht (etwa durch das zur Farce gewordene Treffen mit Ex-US-Präsident Trump, der dem geschickt agierenden Herrscher auf den Leim ging), steht Nordkorea weitgehend isoliert und (außer China) ohne echte diplomatische Verbündete da.

von Christian Klosz

Im Februar 2017 richtete die Welt ihre Augen nach Ostasien, wo der Halbbruder von Kim Jong Un, Kim Jong-Nam, auf mysteriöse Art ums Leben kam: Überwachungskameras am Flughafen in Kuala Lumpur, Malaysia, hielten fest (siehe 2. Bild unten), wie 2 junge Damen sich dem gerade Durchreisenden näherten, ihm ins Gesicht fassten – eine Stunde später war er tot. Ein politisches Attentat, ein Auftragsmord, ein Giftanschlag, angeordnet von „ganz oben“ (also Kim Jong Un), um einen zum Problem gewordenen Gegner aus dem Weg zu räumen? Wer beauftragte die beiden Frauen, die Vietnamesin Doan Thi Huong und die Indonesierin Siti Aisyah (siehe Bild unten), mit dem Anschlag, was bekamen sie dafür? Wer wusste noch davon, oder waren die beiden nur Schachfiguren in einem perfiden Polit-Plot? Das alles sollte eine Gerichtsverhandlung in Malaysia klären, der sich die zwei nach ihrer Festnahme stellen mussten und die eine faszinierende bis abstoßend-erschreckende Innensicht auf Nordkoreas Regime offenbarte. Die Dokumentation „Assassins“ von Ryan White bemüht sich um die Rekonstruktion dieses einzigartigen Falles, des aufsehenerregendsten Polit-Mordes des 21. Jahrhunderts. Der Film erscheint am 26.2. bei uns auf BluRay, DVD und als VOD.

Assassins film

Der (reale) Plot ist an sich unglaublich genug, um einen als Zuschauer zu fesseln: White erzählt die Vorkommnisse chronologisch und inszeniert sie wie einen Polit-Thriller, hält sich sonst aber zurück und lässt seine Protagonisten und Protagonistinnen zu Wort kommen, das sind unter anderem Anwälte, Richter, die Familien der beiden verhafteten Mädchen, Reporter, Diplomaten und viele mehr. Neben Einblicken in Lebenswelten in (Süd)Ost-Asien, die wenig mit unseren zu tun haben (Mädchen vom Land gehen in die große Stadt, um es „besser zu haben“, nicht selten über den Umweg der Prostitution und/oder Selbstausbeutung), ist es vor allem der Blick auf das Machtgefüge Nordkoreas, der interessiert. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie skrupellos Herrscher wie Kim Jong Un vorgehen, um ihre völlige Kontrolle nach innen (und außen) abzusichern.

Das eigentlich zentrale Anliegen von „Assassins“ ist aber die Rekonstruktion des Mordfalls Kim Jong Nam, an der schließlich auch die (Stimmen der) beiden festgenommenen Frauen mitwirken. Und das Unfassbare an dem Ganzen ist die Verteidigungsstrategie ihrer Anwälte, die so unglaublich und dabei doch so plausibel klingt: Doan und Siti seien willfährige Opfer eines genialen Komplotts gewesen, Zahnräder in einem größeren Getriebe, Figuren in einem Schachspiel, das von anderen gespielt wurde. Nachvollziehbar wird dokumentiert, wie beide (einander unbekannten) Damen unabhängig voneinander in kleinen Jackass-ähnlichen Video-Sketches mitspielten, wie sie inzwischen auch in Asien populär sind, lange vor dem eigentlichen Anschlag. Eine besonders beliebte Version ist jene: Junge Dame nähert sich am Flughafen (oder ähnlichem Ort) einem Mann von hinten, verdeckt ihm die Augen und sagt sowas wie „Wer bin ich?“. Nach einigen Sekunden lässt sie von dem irritierten Prank-Opfer ab, das sich meist verwundert umdreht und blöd aus der Wäsche schaut. Just so soll das Nervengift in Kim Jong-Nams Augen geraten sein, wie auf mehreren Überwachungskameras zu sehen ist. Der Clou dieses perfekten Mordes: Doan und Siti bekommen das Gift auf ihre Hände, denkend, es sei Händelotion, glaubend, sie würden einen Videostreich spielen, der sie berühmt macht, während sie unwissende Komplizinnen dubioser Hintermänner aus Nordkorea sind, die sie instrumentalisieren, instruieren – und sich nach dem Vorfall in die Heimat absetzen und nie vor Gericht stehen werden. So zumindest will es die Verteidigung der beiden Frauen sehen: Unglaublich, dabei trotzdem plausibel – und vermutlich wahr.

Fazit:

„Assassins“ ist ein interessanter und teils fesselnder Dokumentarfilm über Macht und deren Missbrauch in perfidester Form, der einen unglaublichen, aber wahren Mordfall aus der jüngsten Vergangenheit rekonstruiert. Die Arbeit von Regisseur Ryan White ist solide, die Geschichte, die er uns hier präsentiert, ist aber für sich genommen so unfassbar, dass sie sich beinahe von selbst erzählt. Man bekommt diverse Perspektiven zu hören (wenngleich man gerne auch jene der „Gegenseite“ (Nordkoreas) vernommen hätte) und lernt dabei einiges über das innere Machtgefüge eines totalitären Regimes, das vor nichts zurückschreckt: Lehrreich, spannend und sehenswert.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(74/100)

Bilder: ©Ascot Elite Home Entertainment