Die rechte Bedrohung: Spätestens seit der „Flüchtlingskrise“ 2015 versuchen Parteien europaweit (und darüber hinaus), verunsicherte Bürger wie Rattenfänger einzusammeln und vorhandene Ängste zu schüren und zu instrumentalisieren. Die einen machen das „Mainstream-verträglich“ von der politischen Mitte aus, die anderen radikal. Beruhigend ist, dass sich einige der Neurechten inzwischen selbst entzaubert haben (Salvini), abgewählt wurden (Trump), sich in internen Grabenkämpfen verstricken (Afd) oder einfach (wieder einmal) über die eigene Inkompetenz gestolpert sind (FPÖ).

von Christian Klosz

In den letzten Jahren gab es aber auch das neu aufkommende Phänomen junger, rechter Bewegungen, die sich im Auftreten deutlich von den altbekannten Neonazis unterscheiden: Adrett bis hip gekleidet sprechen sie wohlformulierte Sätze, die beim ersten Hinhören so gar nicht nach rechtsradikalen Parolen klingen wollen, sondern die Aura von Bildung und Klasse versprühen. Die Sorgen dieser Bewegungen (etwa der österreichischen Identitären) sind allerdings die selben: Überfremdung, „Niedergang des Abendlandes“, Verlust der eigenen Identität und Kultur, Verlust von Sicherheit usw. usf.

Diese rechten Hipster stellen also ein echtes Phänomen dar – auch wenn sich deren Zulauf in den letzten 1, 2 Jahren spürbar reduziert hat. Christian Schwochow will sich in seinem Melodram „Je suis Karl“, zu sehen in der Special-Schiene der Berlinale 2021 und ab 16.9. in den Kinos, mit diesem Problem auseinandersetzen, ihm nachfühlen, macht das aber derart plump, klischeehaft und einfach unintelligent, dass der künstlerische und gesellschaftliche Wert des Beitrags gleich null ist.

Kurz die Ausgangslage: Mitten in Berlin zertrümmert eine Briefbombe ein Wohngebäude, in dem auch die jugendliche Maxi mit ihrer Familie lebt. Mutter und Brüder sterben, nur sie und ihr Vater Alex überleben, die tief traumatisiert versuchen, mit der Situation irgendwie klar zu kommen. Sie sind verunsichert, sie, die eigentlich immer dachten, mitten im Leben zu stehen und bisher keine Ängste und Sorgen kannten: Weltoffene und vorurteilsfreie Menschen, die stets das Gute wollten, was in der Eingangsszene sehr plakativ dadurch illustriert werden soll, dass sie einen libyschen Flüchtling über die Grenze nach Deutschland schleppen.

Diese selbstverständliche Gewissheit ist jetzt weg. Noch dazu war es so, dass der Attentäter (ein Postbote, der das Bombenpaket an Alex übergeben hatte) langen, dunklen Bart trug und überhaupt etwas „fremdländisch“ aussah, was den besorgten Vater nun gleich an seinen alten Freund aus Libyen denken lässt: War das gar ein Terrorist gewesen, den er da guten Gewissens über die Grenze gebracht hatte, der ganz anderes im Sinn hatte und seine neu gewonnene Freiheit schamlos ausnutzte?

Während Alex noch zweifelt und seine neu entdeckten Vorurteile von sich schiebt, gerät Maxi durch Zufall in die Fänge eines jungen, feschen und smarten Burschen namens Karl, der sie zu einer Veranstaltung in Prag einlädt, wo „junge, engagierte Menschen“ über die „Zukunft Europas“ reden wollen. Das ist natürlich nur ein Vorwand, denn eigentlich geht es dort um die „Verteidigung des Abendlandes“ und in letzter Konsequenz um eine rechte Machtergreifung. Das weiß Maxi (noch) nicht und fühlt sich mit der ihr entgegengebrachten Aufmerksamkeit und dem Verständnis wohl und lässt sich einlullen. Was sie auch noch nicht weiß: Diese Gruppe hatte ihre Finger im erwähnten Attentat, aus purem Kalkül.

Was ein kluger und aktueller Beitrag zu gesellschaftlichen Debatten sein möchte ist am Schluss nicht mehr als ein dämlicher, plumper und schlecht gemachter Film voller Klischees und einem allzu simplen Weltbild, das beinahe Soap-Charakter hat. Eine tatsächlich existierende Bedrohung durch radikal-islamistische Gruppen (siehe Attentate in Frankreich, Wien, etc.) wird negiert und so dargestellt, als wäre diese nur eine Erfindung der Rechten (wortwörtlich, verkörpert durch den Fake-Attentäter, der kein echter ist). Gleichzeitig wird ignoriert, dass es tatsächlich breite Teile der Bevölkerungen gibt, denen Zuwanderung, Globalisierung und gesellschaftliche Veränderungen Sorgen bereiten. „Je suis Karl“ versucht keinen ernsthaften Beitrag zu leisten, sich mit diesen realen Problemen auseinanderzusetzen oder zu verstehen (wie etwa die Dokus „Inland“ oder „Kleine Germanen“), sondern melodramatisiert und karikiert sie beinahe comichaft und zynisch zu reinen Unterhaltungszwecken. Der Film gründet auf der simplen Weltformel: An allen Problem weltweit sind die „Karls“ dieser Erde schuld und ohne sie wäre alles gut. Seltsam, dass gegen Ende Karl und seine Hipster-Nazi-Entourage aber nicht besiegt wird, sondern triumphiert: Was will uns der Regisseur damit sagen?

Kurz zusammengefasst scheitert „Je suis Karl“ daran, ein real existierendes Phänomen und Problem in irgendeiner Weise adäquat oder seiner Komplexität angemessen darzustellen. Er leistet keinen Beitrag zum Verständnis dieser Dinge und beutet tatsächlich existierendes Leid (es gibt reale Opfer von terroristischen Anschlägen) zu Unterhaltungszwecken aus. Der Film hat keine Botschaft, seine einzige Absicht ist es, auf primitive Art und Weise zu unterhalten. Und nicht einmal das gelingt wirklich. Positiv anmerken lässt sich höchstens, dass versucht wird, das neue Phänomen junger, gebildeter Rechter und deren „Attraktivität“ und Vorgehensweise abzubilden, was vor allem in der Personifikation dieses neuen Typen in der Figur Karl gelingt, der durch Jannis Niewöhner glaubwürdig dargestellt wird. Am fehlenden Kontext oder der Absenz eine gesamtgesellschaftlichen Einordnung oder Analyse ändert das natürlich nichts.

Fazit:

Plump, laut, schrill und äußerst banal: „Je suis Karl“ ist ein Film für Menschen, die nicht nachdenken wollen und kein Problem damit haben, sich durch Leid unterhalten zu lassen. Dem Porträt der „neuen Rechten“ in Europa fehlt es völlig an Tiefgang und ernsthaften Interesse an einem realen, besorgniserregenden Phänomen, wodurch der diskursive Beitrag dazu gleich null ist: Ein boulevardesker Polit-Porno für simple Gemüter.

Bewertung:

Bewertung: 3 von 10.

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Bild: © Sammy Hart / Pandora Film