Die meisten von uns verbinden mit dem Begriff „Sherpa“ in erster Linie Bergführer und Lastenträger, die den oft westlichen Bergsteigern bei ihren Expeditionen zu Ruhm und Ehre verhalfen. Eigentlich sind die Sherpas aber ein kleines, asiatisches Bergvolk mit rund 200.000 Angehörigen, die mehrheitlich im heutigen Nepal leben. Aufgrund der Kenntnis der und Anpassung an ihre Umwelt werden sie seit den ersten Aufstiegen in den 1920-ern von Alpinisten dafür bezahlt, sie sicher nach oben auf die Berggipfel des Himalaya und anderer Giganten zu bringen.

von Christian Klosz

Im Mittelpunkt von „Die Wand der Schatten“ steht eine lokale Sherpa-Familie, die widerwillig einen gefährlichen Auftrag annimmt: 3 Bergkletterer aus dem Westen (2 Russen, 1 Pole) wollen die bisher unbezwungene Ostwand des Kumbhakarna-Berges besteigen. Dieser Berg ist für die Sherpas eigentlich heilig und darf nicht bewandert werden, doch finanzieller Druck und der Wunsch, dem Sohn später eine Ausbildung zum Arzt zu ermöglichen, bringt die Familie dazu, es schließlich doch zu versuchen. Gemeinsam mit anderen Helfern und den 3 Alpinisten machen sie sich auf den Weg, der schon bald durch Schneestürme und widriges Wetter erschwert wird. Der Film porträtiert zum einen die innerfamiliären Konflikte um die Zukunft des Sohnes, dem es später einmal „besser gehen soll“, aber auch die Interaktion zwischen den Sherpas und den 3 Kletterern aus dem Westen, dessen Hybris sie unvorsichtig werden lässt. Nicht zuletzt ist „Die Wand der Schatten“ auch ein beeindruckendes Naturporträt, das atemberaubende Bilder aus dem Hochgebirge liefert und die Faszination Alpinismus auch für Laien nachvollziehbar macht.

Zu Beginn tut man sich etwas schwer, „Die Wand der Schatten“ einzuordnen: Die ersten Aufnahmen von der Sherpa-Familie sollen das Setting etablieren und uns die handelnden Personen näher bringen, wirken allesamt aber etwas inszeniert und wenig „dokumentarisch“ im Sinne von „rein beobachtend“. Spätestens mit der Ankunft der 3 Bergsteiger wird aber klar, dass das hier ein Dokumentarfilm ist, der „nicht vom Bergsteigen, sondern von Menschen handelt“, wie einer der 3 Männer einmal treffend bemerkt. Interessant an der Interaktion zwischen ihnen und den Ortsansässigen ist auch, wie selbstverständlich die Männer die lokalen Sherpas „von oben herab“ und als deren Bedienstete betrachten und behandeln, obwohl sie ohne deren Hilfe keinen Berg der Welt erklimmen könnten.

Der Film handelt in erster Linie tatsächlich von „Menschen“, die der Faszination Alpinismus ausgeliefert sind, sei es aus persönlichen Motiven und Wettkampfeifer oder aus finanziellen Gründen. Demensprechend unterschiedlich ist der Umgang und die Herangehensweise: Spielt bei den einen eine gewisse Selbstüberschätzung eine Rolle und ist der Kampf gegen den Berg hier in erster Linie ein Kampf gegen sich selbst und die Natur, haben im anderen Fall (der Sherpa-Familie) derartige Überlegungen wenig Raum. Für sie ist es in erster Linie ein Job „wie jeden anderen“, der das eigene Überleben und das der Familie sichern soll.

Trotz Fokus auf die menschlichen Akteure gelingt es Regisseurin Eliza Kubarska, selbst erfolgreiche Alpinistin, auch hervorragend, die Magie einzufangen, die von großen Bergen ausgeht, die Macht, die sie ausstrahlen und einen in Ehrfurcht erzittern lassen – gerade auch als Zuschauer, der mit der Materie an sich wenig vertraut ist. Es sind faszinierende Aufnahmen, gerade jene Szenen von 2 der 3 Bergsteiger, die sich schließlich doch alleine und auf eigene Faust auf den Weg machen, die bisher unbezwungene Ostwand zu besteigen. Es sind Bilder vom archaischen Kampf „Mensch gegen Natur“ und vom Versuch des ersten, zweitere zu besiegen – mit offenem Ausgang.

Fazit:

Ein gelungener und faszinierender Film über die Magie des Alpinismus und die Macht der Natur – und Menschen, die sich aus unterschiedlichen Motiven dem aussetzen. „Die Wand der Schatten“ ist aber durchaus auch aus ethnologischer Sicht interessant, da er das Volk der Sherpas, uns sonst nur als Synonym für „Bergführer“ bekannt, in den Mittelpunkt stellt und das Leben und den Alltag in den Hochgebirgen Nepals porträtiert.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(82/100)

„Die Wand der Schatten“ ist seit 15.4.2021 als VOD bei Kino on Demand zu sehen.

Bilder: (c) Rise and Shine Cinema