Wer im tiefsten Herbst einen Blick nach draußen wagt, erlebt an so manchem Tage ein äußerst tristes Bild. Grauer Himmel, kahle Bäume und weit und breit keine Menschenseele in Sicht. Die Stimmung befällt das Gemüt und beinahe wirkt es so, als würde die Sonne nie wieder scheinen. Wer sich dieses Gefühl in Erinnerung ruft, hat in etwa eine Idee worauf er sich bei „The Dark and the Wicked“ einlässt.

von Cliff Brockerhoff

Dieser erzählt rein formal von einer vierköpfigen Familie im texanischen Ödland, die dem nahenden Tod des geliebten Vaters in’s Auge blicken muss. Zur Unterstützung der Mutter, die ihren Mann seit Jahren in den heimischen vier Wänden pflegt, sind auch Louise und Michael – entgegen dem ausdrücklichen Wunsch der Mutter – angereist um die letzten Stunden im Kreis der Familie zu verleben. Was beide nicht ahnen: auf dem Anwesen hat sich eine dämonische Präsenz eingenistet, welche nicht nur nach dem Leben des Familienoberhauptes trachtet.

Die Story klingt somit vornehmlich nach 08/15, doch „The Dark and the Wicked“ wählt eine gänzlich andere Herangehensweise. Anstelle einer gepflegten Geisterjagd samt lieblos aneinandergereihter Schockeffekte setzt Brian Bertino auf intime Atmosphäre, eingepfercht in einen Handlungsschauplatz, der selbst bei gleißendem Sonnenschein vermutlich irgendwie leblos wirken würde. Dass Bertino eine Geschichte auf engstem Raum inszenieren kann, hat er 2008 unlängst mit „The Strangers“ unter Beweis gestellt. Und auch in seinem neusten Emporkömmling knüpft der US-Amerikaner an die Stärken von einst an, macht sich die natürliche Umgebung zunutze und zeichnet ein Bild, das mit seiner erdigen Farbpalette und kontrastarmen Farben langsam aber sicher sämtliche Hoffnung aus seiner Zuschauerschaft saugt.

Diese hat derweil mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, de facto mit der fehlenden Vorhersehbarkeit. Wo sich das Gros vergleichbarer Filme entweder für subtilen oder plakativen Horror entscheidet, mischen sich plötzlich die Ausrichtungen. Einige unheilvolle Situationen münden im Jumpscare, einige versanden dagegen vergleichsweise harmlos. So pflanzt der Film eine unangenehme Unsicherheit in seine Betrachter, die sich nie wirklich sicher sein können, welche Bedrohung ihnen als nächstes ins Haus steht. Die Anspannung ist permanent am Anschlag, nur ganz selten verfällt das Werk in zu erahnbare Regionen und provoziert die Erschrockenheit auf Teufel komm raus.

Und auch rein technisch bietet „The Dark and the Wicked“ wenig Angriffsfläche. Die eher unbekannten Namen im Cast spielen allesamt ordentlich und überzeugen mit emotionaler Nahbarkeit. Insbesondere Marin Ireland steht der Schrecken zuweilen buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Eine gute Performance der Kalifornierin, und auch ihr Bruder, gespielt von Michael Abbott Jr., überzeugt als anfänglich ungläubig verharrender Gegenpol. Sein Charakter erfährt die größte Entwicklung, mimt den rationalen Zweifler, kann sich dem alles umklammernden Setting aber nur zeitweise entziehen. Dafür ist der Horrorfilm zu überzeugend, zu unerbittlich fies und somit letztlich wohl auch nichts für jedermann. Erklärungen bleiben gänzlich außen vor, hier regiert das blanke Böse – ohne Zweifel, ohne Sonnenschein und ohne Erbarmen.

Fazit

Bertinos Werk gelingt ein beachtlicher Zwiespalt – durch die ausgewogene Mischung aus atmosphärischem Grusel und geradlinigen Schockmomenten wirft „The Dark and the Wicked“ einen ganz eigenen Blick auf die thematisch aufgegriffene Besessenheit und vermag somit sowohl alteingesessene Liebhaber, als auch Anhänger moderner Stoffe anzusprechen. Trotz stilgebundener Tristesse eine helle Freude für Genrefans und passend zum Titel gewiss düster und bösartig. Ein höllisch gutes Seherlebnis!

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(77/100)

„The Dark and the Wicked“ ist einer von 9 Filmen, die ihr in der Zeit vom 19. bis zum 22. April im Rahmen des SHIVERS Film Festival sehen könnt. Alle Infos, Filme und Tickets bekommt ihr hier.