Liebe, Lust, Leidenschaft: Nicht nur in Corona-Zeiten für viele Menschen eine Sehnsuchtsvorstellung, Inhalt von Begierden und Träumen und Grund für Drama, Tragödie und Schmerz. Während sich bei uns seit einigen Jahren eine neue Prüderie breit macht, die globale und gesellschaftliche Krisen durch (vermeintliche) Sicherheit der heilen Kleinfamilie und streng geregelte Sexualität zu kompensieren sucht, war das Ende der 60er und in den 70ern des letzten Jahrhunderts ganz anders: Die Hippies träumten von „freier Liebe“ und dem ungezwungenen Streben nach sexueller Freiheit und endloser Lust und erfanden damit zumindest ein neues Lebensgefühl, das auch folgende Generationen begleiten sollte.

von Christian Klosz

In dieser Zeit ist das bereits 2017 erstmals erschienene satirische Erotik-Drama „Desire“ aus Argentinien (Original: „Desearás al hombre de tu hermana“), inszeniert von Diego Kaplan, angesiedelt, das am 16.4. im deutschsprachigen Raum auf DVD und BluRay veröffentlicht wurde (bereits 2018 war es, allerdings nur mit englischen Untertiteln, in gewissen Regionen auf Netflix zu sehen). „Netter Skandalfilm“ kann man das durchaus humoristische Werk taufen, das schon vor einigen Jahren vor Wirbel gesorgt hatte. Das hat in erster Linie mit der Eröffnungsszene zu tun, die nahe legt, dass ein junges Mädchen, eindeutig um vorpubertären Alter, während des Schauens einer Filmszene mit Pferden/Reitern im Fernsehen ihren ersten Orgasmus bekommt, während ihre eben so junge Schwester neben ihr sitzend dabei zusieht. Die Irritation beim Zuschauer löst sich aber geschwind auf, da bald klar wird, dass die Macher ihren eigenen Film nur bedingt ernst nehmen und bewusst mit überspitzter Inszenierung, Musikuntermalung und Inhalten arbeiten, die an Paul Verhoevens Theorie des hyperbolischen Films erinnern.

Die beiden Mädchen werden natürlich nicht zum Spaß gezeigt, es sind die rivalisierenden Schwestern Ofelia und Lucia, die Hauptfiguren von „Desire“. Nach einem Zeitsprung sieht man Lucia (Monica Antonopulos), wie sie ihren Verlobten Juan in der luxuriösen Villa ihrer Mutter heiratet. Sie ist inzwischen erfolgreiche und berühmte Sängerin und führt spätestens nach der Hochzeit das perfekte Bilderbuch-Leben. Scheinbar zumindest. Denn die Leidenschaft zwischen ihr und ihrem Gatten ist bereits jetzt ziemlich erkaltet. Ihre Schwester Ofelia (Carolina Ardohain), deren nymphomane Züge immer wieder Grund für Eifersüchteleien und Konflikte der beiden waren, ist überraschend auch anwesend, und nicht zufällig knistert es vom ersten Moment an ordentlich zwischen ihr und Lucias Mann. Obwohl auch Ofelia ihren Partner dabei hat. Es entspinnt sich folgend ein wildes Drama um Lust, Sex, Eifersucht und Gewalt, das nicht nur alle Beteiligten sogartig mit sich reißt, sondern auch die Zuschauer.

„Desire“ arbeitet dabei mit Rückblenden, in denen von der Jugend der beiden Schwestern erzählt wird und die die späteren Konflikte und Aversionen erklärt: Lucia hat Ofelia seit jeher für deren unbändige Libido und um ihre sexuellen Ausschweifungen beneidet. Immer wieder sind Szenen zu sehen, wo sie (in der Vergangenheit oder der Gegenwart) Ofelia beobachtet, während die „zugange ist“. Für Ofelia, die ihre Erfahrungen in der Jugend auf Audiotape festgehalten hatte, erscheinen ihre Eskapaden allerdings völlig alltäglich und banal, wie folgender, von ihr aufgenommener Satz illustriert: „Einen Schwanz zu lutschen hat nichts mit Liebe zu tun. Es ist wie Daumen lutschen.“

Fazit:

Wenngleich auch die Handlung nicht uninteressant ist, sind es eindeutig Stilisierung, Inszenierung und Musik, die den Reiz von „Desire“ ausmachen. Die Sexszenen des so genannten „Erotik-Dramas“ sind durchaus ansehnlich, aber von Pornografie weit entfernt – und zuallererst Mittel zum Zweck: Regisseur Diego Kaplan schuf eine unterhaltsame Erotik-Satire, die sich selbst sowohl feiert, als auch auf die Schaufel nimmt, die ihre eigenen Stilmittel durch hyperbolische Übertreibung enttarnt und so zu einem ästhetisch anspruchsvollen Augen- und Ohrenschmaus wird, deren teils auch triefender Kitsch durch die ironischen Untertöne relativiert wird. Man muss sich das so vorstellen: Eine grandiose Telenovela voller Pomp und Pathos, Liebe und Hass, Gewalt und Leidenschaft deren Macher am Schluss einblenden: „Ätsch, wir haben das alles nicht so gemeint. (Oder doch?)“ Summa summarum: Grandios.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

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