Die Kinos sind derzeit vollgepackt mit Blockbusterware, aber Filmware mit Anspruch sucht man eher vergeblich (wenn man von der Veröffentlichung älterer Festivalfavoriten absieht). Da kommt vielleicht der neue Film von M. Night Shyamalan gerade recht, der sich, zumindest auf den ersten Blick, nach der Enttäuschung, die „Glass“ war, wieder seiner Wurzeln besinnt, die da sind: Mysteriöse Plots, wirkungsvoller Suspense, technische Finesse und jede Menge Atmosphäre. „Old“ heißt das neue Machwerk des Amerikaners, das seit 29.7. in den Kinos zu sehen ist, und es ist tatsächlich eine Rückkehr zum kreativen Storytelling ohne unnötige Materialschlachten und Effekte, das über weite Strecken zu überzeugen weiß. Der große Wurf ist aber auch „Old“ nicht geworden.

von Christian Klosz

Der Film beginnt mit paradiesischer Idylle, nach der sich viele von uns aktuell sehnen: Familie Cappa landet auf einer mysteriösen Insel in einem luxuriösen Urlaubsresort, das Mutter Prisca (Vicky Krieps) online zum Schnäppchenpreis gefunden hat. Sie hat einen Tumor (und eine Affäre), wie wir später erfahren, die Flucht aus dem Alltag soll der letzte Versuch sein, die Ehe mit Gatten Guy (Gael Garcia Bernal) zu retten. Was wie ein Traumurlaub beginnt, wandelt sich jedoch schnell zum Alptraum: Der Hotelmanager schickt die Cappas gemeinsam mit ihren beiden Kindern mit einer weiteren Familie im Kleinbus zu einer abgelegenen Bucht, ein wahrer „Geheimtipp“, wie er meint. Das Ambiente dort ist zwar herrlich, doch irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen. Denn wie kann es sein, dass die Kinder innerhalb kürzester Zeit um Jahre gealtert wirken?

Shyamalan bastelt sein neuestes Projekt rund um die Frage: Was ist Zeit? Und was passiert, wenn Zeit nicht nach den uns bekannten Regeln und Gesetzen vergeht, sondern um ein Vielfaches beschleunigt? Dabei interessierst sich der Regisseur – und das wäre der erste Kritikpunkt an „Old“ – weniger für die psychologischen oder philosophischen Implikationen dieses (fiktiven) Phänomens als für die sich daraus ergebenden erzählerischen und inszenatorischen Möglichkeiten. Natürlich ist es recht spannend, zu beobachten, wie Wunden innerhalb von Sekunden verheilen. Oder Leichen innerhalb weniger Stunden verwesen. Aber von einem Autorenfilmer wie Shyamalan kann man sich (zurecht) etwas mehr erwarten.

Keine Kritik geben kann es an der technischen Umsetzung, denn die ist brillant. Geniale Kameramontagen und Einstellungen gehen Hand in Hand mit einem gelungenen Schnitt, was den Film zumindest auf dieses Ebene äußerst stimmig wirken lässt. Kritik üben kann man schließlich an der Auflösung bzw. dem Klimax, denn das Ende verfährt äußerst genretypisch-thrillerhaft, durchaus solide zwar, aber gerade an einen Meister seines Fachs mit Großtaten wie „The Sixth Sense“, „Signs“ oder „Split“ kann man höhere Ansprüche stellen. Umweht „Old“ zu Beginn noch die Aura des Mysterösen, wofür viele Shyamalan so lieben, begibt er sich in der zweiten Hälfte in bekannte und oft gesehene Gefilde, denen das Besondere und vor allem die unnachahmliche Atmosphärik weitestgehend fehlt.

Fazit:

Ein solider Thriller mit guten und interessanten Ansätzen, die jedoch zu selten zu Ende gedacht werden, was „Old“ zwar zu einem ordentlichen Genrevertreter macht, aber nur zu einem mittelmäßigen Shyamalan-Film. Zumindest scheint die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln nach dem „Glass“-Reinfall insofern geglückt, da eine deutliche Qualitätssteigerung zu sehen ist.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

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Bilder: (c) 2021 Universal Studios