Was macht sie aus, die Faszination für das Leben und die intimen Momente uns fremder Personen? In einer digitalen Zeit, in der sich Menschen auf Plattformen regelrecht zur Schau stellen, Videoüberwachung ein fast alltäglicher und unbemerkter Begleiter ist, Firmen unsere Spuren im Internet analysieren und Datenschutz ein stetig heiß diskutiertes Thema ist, erarbeiten Filme ein außerordentliches Spektrum dessen, wie Voyeurismus jeden von uns im Alltag begleiten kann. Entgegen der ersten Intention, den Begriff des Voyeurismus sexuell oder mit Perversion zu konnektieren, beweisen nämlich Filme wie „Minority Report“, „Das Leben der anderen“ oder Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“, dass die Begrifflichkeit des Sehens und Gesehen-Werdens weitaus breiter gefächert ist. Auch Michael Mohans „The Voyeurs“ spielt mit dem Reiz des Verbotenen, der lauernden Gefahr und der Sucht nach Teilhabe an einem Leben, das nicht (mehr) das eigene ist. Die Hauptdarstellerin Sidney Sweeney („Euphoria“ , „Nocturne“) wird dabei zur Grenzgängerin, deren Realität zunehmend verschwimmt und die in dem Glauben, Gutes zu tun, eine ungeahnt zerstörerische Katastrophe heraufbeschwört. „The Voyeurs“ ist seit kurzem auf Amazon Prime zu sehen.

von Madeleine Eger

Thomas (Justice Smith) und Pippa (Sidney Sweeney) haben ihre Traumwohnung in Montreal gefunden. Ein weiträumiges Loft mit großen Fenstern, Blick über die Stadt – und zur Überraschung der beiden auch in die Wohnzimmer ihrer Nachbarn. Das gut aussehende und scheinbar perfekte Paar von gegenüber erregt ihre Aufmerksamkeit und schürt anfänglich erotische Neugier. Pippa lässt das Leben des Fotografen Seb (Ben Hardy) und seiner Freundin Julia (Natasha Liu Bordizzo) allerdings nicht mehr los. Dabei überschreitet sie immer mehr die Grenze zur Illeglität und aus Neugier wird gefährliche Obsession.

Ein kurzer Kameraflug, ein kleiner Spalt im Vorhang der Umkleidekabine. Schon nach einigen Sekunden fühlt man sich seltsam ertappt, wenn Sidney Sweeney als Pippa während ihrer Dessousanprobe plötzlich direkt in die Kamera sieht und uns direkt konfrontiert. Damit weicht Michael Mohans Film sogleich die filmischen Grenzen auf und involviert das Publikum mehr als vermutet und direkter als es einem vielleicht lieb ist. Hier zeigt sich nämlich gleich die größte Stärke des Films, die die anfänglich fast zu generische Story begleiten wird.

Denn die Neugier, die Thomas und Pippa antreibt, sie zudem zu eigenen erotischen Fantasien beflügelt und in einen fremden Lebensentwurf eintauchen lässt, ist über weite Strecken zunächst einmal nicht unbedingt neu oder gar innovativ. Auch dass das augenscheinlich perfekte Leben des Nachbarpaares langsam anfängt in sich zusammen zu fallen und damit für die beiden Hauptfiguren natürlich fortlaufend neue Gründe liefert, um die Beobachtung der Fremden weiter zu legitimieren, ist für „The Voyeurs“ damit wenig überraschend.

Vielmehr ist es die realitätsübergreifende Kernthematik, die den Film antreibt und die eine durchaus griffige Allegorie entwickelt, um die eigene Freizügigkeit des Privatlebens und gleichzeitige Schaulust zu hinterfragen. Wie für Pippa auch verschwimmt die digitale mit der analogen Welt zusehends, wobei sich trotz fast vollständiger Anonymität gleichzeitig ein instabiles Gefühl der Vertrautheit und Intimität entwickelt. Auch die Verzerrung der Wirklichkeit greift „The Voyeurs“ mit unterschiedlichen Instrumenten auf. Sei es dabei das Fernglas, mit dem Thomas und Pippa in ein verbotenes Abenteuer abtauchen wollen, die Kamera, mit der Seb seine Models ablichtet oder das eigene Auge, welches Informationen immer auch individuell verarbeitet.

„The Voyeurs“ zeigt sich geschickt darin, sein Publikum den Voyeurismus des Augenblickes wahrzunehmen zu lassen, denn auch Filme selbst spiegeln im Grunde eine Form dessen wieder. Figuren werden in all ihren Lebenslagen und intimsten Momenten beobachtet, nur kann man dabei als Publikum weder „erwischt“ werden, noch muss man sich derart schuldig fühlen, wie es die Protagonisten tun. Mohans Film zeigt sich neben der interessanten Erzählweise zusätzlich stilsicher und streut immer wieder Szenen oder Schnitte ein, die durchaus zu überraschen wissen. Dabei mündet beispielsweise ein einfacher Sehtest in eine knisternde, fast greifbar sexuellen Spannung, die Sidney Sweeney gekonnt ausspielt und das Interesse an ihrer Figur und ihrem moralisch bedenklichen Handeln weiter schürt.

Mit solider Spannung durchsetzt wägt man sich aber doch durchaus bis ins letzte Drittel hinein in erzählerischer Vorhersehbarkeit, glaubt den Ausgang der Privatspionage zu kennen. Dann aber schlägt „The Voyeurs“ gänzlich neue Wege ein und hält sogar noch mehrere Wendungen bereit, die die Thematik des Films bemerkenswerterweise noch zu unterfüttern wissen.

Fazit:

Wenngleich „The Voyeurs“ zwar über weite Strecken bekannte Pfade betritt, so sind es doch die treffsichere stilistische Ausgestaltung, die zuweilen verschleierte Botschaft und damit einhergehende schleichende Involvierung des Publikums, eine starke Sidney Sweeney und ein paar ausgeklügelte Twists, die den Film am Ende zu einem doch durchaus sehenswerten Beitrag machen.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

Bilder: (c) Amazon Prime