Immer öfter scheint es so, als würde Versandriese Amazon im Streamingbereich, anders als Konkurrent Netflix, weniger auf Masse, sondern eher auf Klasse setzen – solange man vom Original-Bereich spricht. Natürlich, auch bei Amazon ist nicht alles Gold, was den Zuschauern an Originals geboten wird, trotzdem scheint man hier doch ein Händchen dafür zu haben, entweder rechtzeitig in ein vielversprechendes Projekt einzusteigen oder es sich nachträglich noch unter den Nagel zu reißen.

von Mara Hollenstein-Tirk

Mit so einer Einleitung scheint der Weg, den diese Rezension nehmen wird, schon deutlich vorgezeichnet. Und tatsächlich, gibt es wenig Negatives, was man über den neuen Regiestreich von Mélanie Laurent sagen könnte. Vielleicht der deutsche Titel, der ist, wie leider so oft, ziemlich gewöhnungsbedürftig, führt man sich den Originaltitel „Le Bal des Folles“ vor Augen, der übersetzt so viel bedeutet wie „Der Ball der Verrückten“ (somit ganz treffend der englische Titel „The mad women’s ball“).

Aber gut, für die eigenwilligen Auswüchse der deutschen Verleiher bei der Titelwahl können die Beteiligten hinter dem Projekt ja nichts. Widmen wir uns deswegen an dieser Stelle lieber jenen Entscheidungen, die in der Hand der Verantwortlichen liegen. Da wäre einmal die Geschichte. Zumindest in Ansätzen, denn wie das bei Buchverfilmungen nun einmal so ist, die Freiheit der Drehbuchschreiber ist doch ein wenig beschränkt. Trotzdem hat man das Gefühl, dass hier sehr viel Feingefühl und ein gutes Augenmaß an den Tag gelegt wurde, um die beste Adaption dieser zugleich beklemmenden, berührenden und irgendwie auch erhebenden Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Bereits nach kurzer Zeit fiebert man mit der jungen Protagonistin mit, wünscht ihr, dass sie dem Alptraum Irrenanstalt wieder entkommen mag, fühlt mit ihr, wenn sie die Fähigkeit, mit den Toten zu sprechen, eher als Bürde denn als Geschenk empfindet. Immer wieder stockt einem der Atem ob der gezeigten Bilder, die damals wohl weniger Schauermärchen als viel mehr bittere Realität für Insassen einer solchen Einrichtung waren.

Doch neben der Bestürzung macht sich auch Hoffnung breit. Dank einer Inszenierung, die den Zuschauer, ebenso wie die Figuren, auch das wunderbare in den kleinen Dingen sehen lässt. Dank Nebenfiguren, die so authentisch und gut gezeichnet wirken, dass man sofort mit ihnen fühlt. Und dank einer Hauptdarstellerin (Lou de Laage), die zwar noch nicht viele Filme in ihrer Filmographie verzeichnen kann, aber dennoch eindeutig zu den neuen hell leuchtenden Sternen am französischen Filmfirmament zu zählen ist.

Man merkt, die Kritikpunkte an diesem gelungenen Werk sind überschaubar und gehören eigentlich schon in den Bereich „meckern auf hohem Niveau“. Natürlich könnte man manche Drehbuchentscheidung dann doch hinterfragen, etwa ob die Fähigkeiten der Protagonistin nicht doch noch ambivalenter hätten bleiben können. Oder nicht auch ein paar der anderen Erzählstränge noch Beachtung hätten finden können. Aber wie gesagt, betrachtet man das Werk in seiner Gesamtheit müsste man hier wohl eher von nitpicking sprechen, denn von valider Kritik.

Fazit:

So ist „Die Tanzenden“ ein einfühlsames, kraftvolles Drama, das den Zuschauer mit in eine andere Zeit, an eine anderen Ort nimmt, das einen die Qualen, aber auch die Freuden der Figuren miterleben lässt und das einem schließlich eine Funken Hoffnung schenkt, dass „anders“ doch nicht für alle Zeit und jedermann automatisch immer „gefährlich“ bedeuten muss.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

„Die Tanzenden“ ist seit 17.9. auf Amazon Prime zu sehen.

Bild: (c) Amazon Prime