Nach Teil 1 im Jahr 2019 kehrt der Filmemacher Gerald Backhaus in seine Heimat Thüringen zurück, um die dort vorherrschenden Dialekte (weiter) zu untersuchen: Es ist grob eine Mischung aus bayrischen (fränkischen) und sächsischen Mundarten mit sehr vielen Eigenheiten und lokalen Unterschieden und Ausprägungen, die er vorfindet und die ihm Einheimische in Gesprächen und Interviews näherbringen und erklären. Wenngleich die Ursprünge der Sprachen und der Klang oft sehr untschiedlich sind, verbindet sie alle eines: Das drohende Aussterben, da „die Jungen“ den Dialekt nicht mehr sprechen (wollen) und die Alten, die dessen noch kundig sind, immer weniger werden.

von Christian Klosz

Das war schon zu DDR-Zeiten ähnlich, als Mundart verpönt war, als „bäuerlich“ galt und den „niederen Klassen“ zugrechnet wurde – und in der Schule oder auch „daheim“ großer Wert darauf gelegt wurde, dass die Kinder Hochdeutsch lernen und sprechen. Heute aber gibt es viele, die die verschiedenen Mundarten erhalten, wiederentdecken und deren Weitergabe fördern wollen, da diese für sie ein Teil der lokalen Identität sind, ein Teil der Kultur und Tradition und für sie schließlich so etwas wie „Heimat“ bedeuten.

„Thüringen, deine Sprache 2“ ist ein gelungener Lehrfilm, der in Schulen, Vereinen oder bei Vorträgen gezeigt werden kann, aber auch für ein „normales“ Filmpublikum von Interesse ist. Denn sprachliche Veränderungsprozesse, die der Film abbildet, existieren so nicht nur in Thüringen, sondern in ähnlicher Form in den meisten anderen Gebieten Deutschlands, Österreichs oder allgemein Europas: Lokale Mundarten verlieren durch erhöhte Mobilität, Landflucht und „Globalisierung“ an Bedeutung. Wer in die Stadt zieht, muss von allen verstanden werden und seinen Dialekt an eine „Normsprache“ anpassen, wer privat oder beruflich in andere Bundesländer reist ebenso. Und den Jungen gelten Heimatdialekte oft als „uncool“, „rückständig“ oder „provinziell“.

Es ist indirekt also auch die oft zitierte, postmoderne Spaltung in „somewheres“ und „anywheres“, die der Film in den Fokus nimmt, sprich: eine gesellschaftliche Differenzierung in Menschen, denen Orte, „Heimat“, Traditionen wichtig sind und solchen, die überall in der (globalisierten) Welt leben und arbeiten könn(t)en und keinen Wert auf solche lokalen Eigenheiten und Traditionen legen.

„Thüringen, deine Sprache 2“ nähert sich den Phänomen(en) mit großen Offenheit und lässt die wahren Experten und Expertinnen zu Wort kommen: Die Einheimischen der Thüringer Städte, Orte, Dörfer wie Gotha, Suhl oder Gera. In den meisten Fällen sind das Ältere jenseits der 60 oder 70, die den lokalen Dialekt noch „von früher, von zuhause“ kennen. Aber es gibt auch eine jüngere Generation, die wieder Freude daran hat, Mundart zu sprechen, seine Wurzeln zu entdecken und zu erforschen. Wie der Lauschaer Kabarettist Anfang 20, der die sprachlichen Eigenheiten in seinen Programmen verarbeitet. Oder Schüler, die mit großer Freude an den Dialekt-Einheiten teilnehmen, die es an manchen Thüringer Schulen (wieder) gibt.

Fazit:

„Thüringen, deine Sprache 2“ ist in erster Linie ein Bildungs- und Lehrfilm, der interessante Erkenntnisse für linguistisch oder enthnologisch Begeisterte bereithält. Aufgrund seiner Machart und Zugänglichkeit ist er aber keinesfalls nur für ein akademisches Publikum zu empfehlen, sondern für jeden, der Interesse an Sprache(n) und Kultur hat. Und besonders für Menschen aus Thüringen, die ihre sprachlichen Wurzeln (wieder)entdecken wollen. Ab 20.9. in ausgewählten Kinos in Deutschland.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(81/100)

Bild: © Gerald Backhaus