Es gibt amerikanische Dinge, man als Europäer schwer verstehen kann oder mag. Dazu gehören auch die „Beschleunigungsrennen“, sogenannte Drag Races, bei denen die Racer versuchen, ihre Autos auf wenige hundert Meter kurzen Strecken vor dem Gegner ins Ziel zu bringen. Regisseur Arthur Summereder ergründet in „Motorcity“ diese Faszination und ihre Auswüchse in der Ford-Stadt Detroit und destilliert daraus eine filmische Meditation über ur-amerikanische Werte, Ideale und Mythen.

von Christian Klosz

Wer in erster Reaktion denkt „Ein Film über primitive Autorennen? Wie einfallslos!“, der irrt, denn Summereder, seines Zeichens ausgebildeter bildender Künstler, nähert sich dem Phänomen Drag Racing intelektuell, geradezu philosophisch. Als „puristisches Manifest“ will er die Beschleunigungsrennen begreifen, die eine archaische Maschine schnörkellos von A nach B bringen, ohne Kurven und Umschweife, das Destillat und Komprimat des „American Dream“ von Landgewinnung, Bewegung, Geschwindigkeit, Freiheit.

„Motorcity“ schlägt auch die Brücke zu (politischer) Geschichte und Gesellschaft und illustriert die Blüte und den Niedergang der Stahlstadt Detroit, auch der Ausgangspunkt vieler afro-amerikanischer Erfolgs- und Aufstiegsgeschichten. Das sehr spezielle Sujet des Films ermöglicht Rückschlüsse auf das Allgemeine, den aktuellen Zustand der Vereinigten Staaten und wie es um ihre Mythen bestellt ist, die als Dreams jahrzente- oder jahrhundertelang das Selbstverständnis prägte, das seit Jahren in der Krise ist.

Stilistisch gestaltet sich der Film hochwertig, arbeitet mit Bildern, die für sich selbst sprechen (Drohnenaufnahmen von Detroit, den Rennstrecken, qualmende Reifen, rasende Autos, begeisterte Mengen) und was nicht für sich selbst spricht, wird vom Regisseur, der als Meta-Protagonist und Erzähler auftritt, erklärt. Begleitet werden vor allem 3 Menschen (bzw. Familien), die ihr Leben den Beschleunigungsrennen widmen und jede freie Minute darauf verwenden, an ihren schnellen Autos zu basteln oder quer durch die USA zu Races zu fahren, um sich mit anderen zu messen – oder zu wetten. Es vermittelt sich das Bild einer brennenden, besser: qualmenden Leidenschaft, die zwar nur Schall und Rauch ist, aber die Leben ganzer Familien prägt und zum Dreh- und Angelpunkt von Existenzen wird. Das Drag Racing ist ein Ritual, die Rennstecken „heilige Orte“, die (tot geglaubte) Mythen überleben oder wiederauferstehen lassen, und sei es nur für einige Tage.

Das Publikum erfährt so nicht nur etwas über die Geschichte Detroits und einen ur-amerikanischen Sport, sondern auch darüber, wie Drag Racing mit Lebenswelten und der US-Kultur verschmolzen ist. Aus europäischer Sicht mag diese Faszination für geradeaus rasende Autos auf den ersten Blick befremdlich wirken, doch durch die erklärenden Worte und die Bewertung des Drag Racing anhand ästhetischer, philosophischer Kategorien wird „Motorcity“ auch für jene interessant und spannend, die mit Autos so gar nichts am Hut haben: Ein bemerkenswertes Regiedebüt eines eigenwilligen Filmemachers und dazu eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme US-amerikanischer Kultur und Befindlichkeiten.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(87/100)

Spieltermine in den Breitenseer Lichtspielen / Wien:

11.11. 19:00 inkl. Filmgespräch mit Regisseur

22.11. 19:00

23.11. 19:00

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Bild: (c) sixpackfilm