Die Begriffe „Cancel-Culture“ und „Shitstorm“ mögen Importe aus dem englischen Sprachraum sein, dennoch ist es wohl recht wahrscheinlich, dass sie auch hierzulande in nicht allzu ferner Zukunft einen Platz im Duden zugesprochen bekommen. Während „Shitstorm“ für eine Welle an Negativkritik im Netz steht, die tsunamiartig über die Quelle des Unheils hinwegfegt, meint „Cancel-Culture“ das „Canceln“, also regelrechte Ausschließen einer Person, Gruppe oder Institution aus der (Netz-)-Öffentlichkeit. Kurz: Wer „gecancelt“ wird, ist unten durch. Kontrovers und teilweise problematisch sind beide Phänomene bereits seit Langem.

von Lena Wasserburger

„Hyperland“ exploriert „Shitstorms“ und „Cancel-Culture“ auf einem neuen Level. Das Spielfilmdebüt von Autor und Journalist Mario Sixtus entführt in eine Welt, die gleichsam vertraut wie surrealistisch wirkt. Im Fokus steht dabei die Frage: Wie viel ist ein Mensch tatsächlich wert?

In „Hyperland“ ist die Gesellschaft der Zukunft abhängig von einem fiktiven Wert, dem „Carma Count“. Je besser die persönliche Reputation, desto höher ist der Count. Mit einem hohen Zahlenwert verschafft man sich Zugang zu Gebäuden, kann sich schönere Wohnungen leisten und bessere Jobs ergattern. Je niedriger der Count, desto unsichtbarer wird man, im wahrsten Sinne des Wortes, für die Gesellschaft.

In dieser neuen Welt gibt es keine Smart Phones, kein Social Media – vielmehr ist die Gesellschaft selbst ein soziales Netzwerk. Kommuniziert wird über ein Gerät, das in die Schläfen der Menschen implantiert ist. Es erlaubt ihnen Videos aufzunehmen, zu teilen und live zu streamen. Jeder Mensch ist maximal vernetzt, die Welt ist maximal transparent. Jeder kann zusehen, jeder kann zuhören und jeder kann seine Mitmenschen bewerten.

Nach einem Vorfall auf einer Party gerät Musikagentin Cee (Lorna Ishema) in einen „Shitstorm“ und erfährt so am eigenen Leib, was es heißt, am Rande der Gesellschaft zu stehen. Lag ihr Wert eben noch bei mehreren Tausend, so fällt er jetzt, ehe sich Cee versehen kann, auf null.

Der Film wird nicht chronologisch erzählt. Zentrum der Geschichte ist allerdings Cee, ihre Kindheit, sowie ihr Leben vor und nach ihrem „Ausschluss“ aus der Gesellschaft. Durch Cees Augen sieht man die zuerst doch so perfekt wirkende, aufgeräumte Welt von „Hyperland“ allmählich zerbröseln und ihr wahres beunruhigendes Gesicht enthüllen. Toneffekte werden ebenso genutzt wie Visual Effects, um eine Atmosphäre zu kreieren, die einerseits wie eine Traumwelt und gleichzeitig bedrückend real wirkt, sodass die Tatsache, dass es sich hier um eine Dystopie handelt, teilweise in den Hintergrund rückt. Gleichzeitig sind die Botschaften, die der Film dem Publikum vermitteln will, alles andere als versteckt. Es ist offensichtlich, dass die Geschichte eine kritische Auseinandersetzung mit der digitalen Welt darstellt und obwohl das klare, unmissverständliche Aufzeigen dieser Problematiken bestimmt wichtig und sinnvoll ist, führt es in diesem Fall dazu, dass die eigentliche Geschichte an Bedeutung verliert und an einigen Stellen lediglich zu einem Vorwand für die vorgetragene Gesellschaftskritik wird.

Fazit

„Hyperland“ greift ein interessantes Konzept auf, spielt mit sozialen Theorien und Problemen, die mehr als aktuell sind – und das auf sehr innovative und kreative Art und Weise. Der Film transportiert die Botschaften, die er vermitteln soll, sehr effektiv. Allerdings führt ebendies auch dazu, dass der Fokus mehr auf den übergeordneten Themen liegt, als auf der Handlung und den Charakteren selbst.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(60/100)

„Hyperland“ ist seit 8.11. in der ZDF-Mediathek zu sehen und läuft am 22.11. im ZDF

Bilder: (c) Mario Sixtus