Über den Begriff der „kulturellen Aneignung“ dürften in der jüngeren Vergangenheit immer mehr Menschen gestolpert sein. Spätestens jetzt, da die „Winnetou-Debatte“ das Thema erneut zu Titelblattmaterial gemacht hat. Doch was ist „kulturelle Aneignung“ und was hat der Ausdruck mit Winnetou, Karl May und Kinderbüchern zu tun? Um die aktuelle Situation möglichst schnell und einfach zusammenfassen: Spieleverlag Ravensburger kippte unlängst die Veröffentlichung einer Kinderbuchreihe sowie weiterer Produkte und ein Kinofilm wurde ebenfalls abgesagt. Der Grund: Die Inhalte des Films und der Bücher, die auf den Karl May-Erzählungen über Winnetou und den „wilden Westen“ basieren, wären gezeichnet von Stereotypen und würden die Behandlung indigener Völker verharmlosen.

von Lena Wasserburger

Im Fokus der Diskussion, die sich im Internet auch unter dem Hashtag #winnetou abspielt, stehen letztendlich zwei Gruppen und Meinungen. Da sind die einen, die „kulturelle Aneignung“ und „Rassismus“ schreien. In der anderen Ecke finden sich Aussagen wie „Jetzt reicht es aber mal mit der ganzen woken Cancel-Culture“ und „Nehmt uns nicht unseren Winnetou weg!“ Auch wenn es allzu leicht fallen mag, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen, fehlt in der Diskussion die Ambivalenz oder vielmehr die Realisation, dass hier nicht alles entweder schwarz oder weiß ist. Nein, das Thema ist (mittlerweile) mehr als kompliziert.

Dem Cambridge Dictionary zufolge ist „kulturelle Aneignung“ als „das Verwenden von Dingen einer Kultur, die nicht deine eigene ist, ohne zu zeigen, dass du diese Kultur verstehst oder respektierst“ zu verstehen. Respekt ist hier das Schlagwort und etwas, an dem es leider häufig mangelt. Handelt es sich nun bei den neuen Winnetou-Büchern um eine respektvolle Darstellung einer Kultur? In jedem Fall hat man es in diesem Fall, wie auch im Falle der Karl May-Geschichten mit einer Menge Romantisierung und Verklärung und sicherlich nicht mit einer authentischen Darstellung zu tun. Ob man dies direkt mit Respektlosigkeit gleichsetzen kann, ist eine andere Frage. Problematisch ist die Romantisierung der Vergangenheit beziehungsweise des „wilden Westens“ aber allemal. Wenn die grausame Behandlung der indigenen Völker unter den Teppich gekehrt wird, um durch ein Bild der Harmonie und Idylle ersetzt zu werden, dann ja, dann hat man durchaus das Recht, Kritik zu üben an dem fiktiven Märchenland, das Karl May in seinen Romanen erschaffen hat.

Schwierig wird es, wenn der Wertekodex der heutigen Gesellschaft auf Werke der Vergangenheit angewendet wird. Hier heißt es: Wer suchet, der findet. Die Bücher entstanden immerhin zu einer Zeit, in der Rassismus salonfähig und kulturelle Aneignung ein Fremdwort war. Die Welt hat sich seitdem weiterentwickelt, was nicht zuletzt auch der kritischen Auseinandersetzung mit Büchern, Filmen und Kunst zu verdanken ist. Löscht, beseitigt oder „cancelt“ man diese Werke, nimmt man der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht die Chance, zu lernen – auch aus ihren Fehlern.

Man könnte sich nun bis zum Sankt Nimmerleinstag darüber streiten, ob die Ravensburger Winnetou-Bücher sowie der gecancelte Kinofilm ein klischeehaftes Bild der Native Americans verbreiten und ob sie denn nun aus heutiger Sicht eine Daseinsberechtigung haben oder nicht. Dem Verlag selbst zufolge war sich hier ja nicht einmal die Testjury, der man die Produkte vorsetzte, ganz einig. Einen Fortschritt wird es in dieser Diskussion allerdings niemals geben, wenn sich der öffentliche Diskurs nicht über die klassischen Argumente „Das kann man so nicht machen!“ gegen „Heutzutage darf man gar nichts mehr machen.“ und „Zensur“ vs. „kulturelle Aneignung“ hinauswagt. Wie wäre es stattdessen mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Problemen, mit denen indigene Völker heutzutage zu kämpfen haben? (Öl-Pipelines seien hier als Stichwort genannt) Diese Probleme sind real, Winnetou ist es nicht.

Bildquelle: (c) Lothar Spurzem, Verwendung unter Creative Commons-Lizenz; auf dem Bild: Szene mit Pierre Brice als Winnetou in Elspe