Vier Männer auf der Casting Couch. Die einzige Frau sitzt hinter der Kamera. Klingt wie der Beginn eines Filmchens der anderen Art? Nein, nur der neue Dokumentarfilm von Ruth Beckermann. – „Josefine Mutzenbacher“ ist ein österreichischer Erotikroman von 1906. Er folgt dem Werdegang einer berühmten Wiener Dirne. Lange Zeit war er in Deutschland verboten bzw. stand auf der Liste für jugendgefährdende Schriften. Denn der Zeitraum des Buchs erstreckt sich von ihrem achten bis zu ihrem dreizehnten Lebensjahr. So erzählt Josefine Anekdoten aus ihrer Kindheit, ihre ersten Erfahrungen, und wie sie es mit wem getrieben hat, mit dem Nachbar, dem Lehrer, dem Pfarrer, oder dem eigenen Bruder oder Vater.

von Christoph Brodnjak

Unter dem Vorwand, einen Spielfilm über dieses Buch zu drehen, lädt Beckermann zum Casting ein. Es erscheinen dutzende Männer jeglichen Alters. Sie lässt sie auf dem Sofa Platz nehmen und Passagen aus dem Roman vorlesen. Manche kennen das Buch bereits, zumindest vom Namen her. Manchmal lässt sie auch einzelne Szenen und Dialoge von den Männern nachspielen. Nebenbei verwickelt sie die Männer in ein Gespräch. Was sie von dem Buch und den Inhalten halten, was sie daran interessiert, wen sie gerne spielen möchten. Sie fragt auch nach eigenen Erfahrungen der Männer.

Und darauf liegt auch das Hauptaugenmerk von „Mutzenbacher“: Die Männer einfach reden lassen, wie sie zu Sex, Geschlecht, Pornographie und gewissen Fantasien stehen. Beckermann urteilt dabei nicht über sie, sie hakt nur ständig nach, wenn sich einer der Kandidaten mal geniert. Die Männer reden dabei frei von der Leber. Die Kamera verlässt dieses Sofa dabei so gut wie nie. Nur vereinzelt schneidet der Film zu einem Männerchor, der brav Synonyme für das Vögeln im Gleichklang singt – pudern, wetzen, ficken, usw.

Es ist ein durchaus interessanter Ansatz, den Beckermann hier verfolgt. Denn die Kandidaten erzählen aus freien Stücken, was sie denken. Manches davon mag mittlerweile nicht mehr überall salonfähig sein, oder offenbart ein gewisses Weltbild. Besonders interessant wird es, wenn Beckermann zwei oder mehr Männer nebeneinandersetzt, vor allem dann, wenn diese aus verschiedenen Generationen stammen.

Allerdings wird man stellenweise das Gefühl nicht los, dass sich Beckermann vielleicht etwas mehr erhofft hat. Die Gesprächsfetzen die man zu sehen bekommt, sind ein interessanter Einblick, aber meist nur sehr kurz. Meist dauert kein Gespräch mehr als ein paar Sätze, und man bekommt auch nur eine Handvoll aus den dutzenden Männern öfters zu Gesicht. Die angesprochenen Themen werden meist nur recht oberflächlich behandelt oder angesprochen, es ist nie wirklich Zeit, mehr in die Tiefe zu gehen.

Fazit

Die Idee hinter „Mutzenbacher“ ist gut, allerdings wirkt es oft so, als hätte sich die Regisseurin einfach mehr erhofft. Einzelne Gedanken und Anekdoten sind durchaus offenbarend, doch meistens hört man nur Dinge, von denen man sowieso schon weiß, dass sie existieren. Dass manche Männer dies und jenes Weltbild haben ist nichts Neues. Es ist ein spannender Film, aber doch auch schade, dass er nicht so in die Tiefe geht, wie erhofft. Viel Altbekanntes, aber dafür sehr charmant wienerisch vermittelt. Seit 4.11. im Kino.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(65/100)

Bild: © Ruth Beckermann Filmproduktion