„The Bone Breakers“ („Spaccaossa“) von Vincenzo Pirrotta

Das tiefste Palermo. Eine Gruppe Halb- und Ganzkrimineller hat sich auf eine besonders perfide Form des Versicherungsbetrugs spezialisiert: Wer Geld braucht, kommt zu ihnen, lässt sich – je nach Bedarf – Arme und Beine brechen, der Großteil der Versicherungssumme geht an die Gangster, der Rest an die Geld- und Hoffnungslosen (der Film basiert auf wahren Vorkommnissen in Palermo). Der vom Regisseur überzeugend gespielte Vincenzo steckt da mittendrin, um selbst über die Runden zu kommen, kriegt aber langsam Zweifel ob der moralischen Vertretbarkeit seines „Jobs“. Als ein Auftrag ordentlich schief geht und der Betroffene stirbt, steht das System vor dem Kollaps und jegliche Hoffnungen, die Vincenzo auch in die sich anbahnende Beziehung mit der drogensüchtigen Luisa gesteckt hatte, zerbrechen an der harten Realität eines Milieus, in dem es keine Liebe und keine Menschlichkeit geben kann.

Vincenzo Pirrotta erzählt in seinem Debütfilm in dreckigen, verwaschenen Bildern eine unglaubliche, aber wahre Geschichte, die sich qualitativ eindeutig im oberen Drittel aller Mafia-Erzählungen ansiedelt. Schauspielerisch und dramaturgisch sehr überzeugend ist der einzige Schwachpunkt dieser düsteren, aber sensiblen Parabel über den Süden Italiens die Ästhetik und Produktion, die leider nicht mit den Klassikern des Genres mithalten kann. Neuverfilmung mit größerem Budget – und „The Bone Breakers“ hätte augenblicklich das Zeug zum Klassiker.

Rating: 83/100

„Jailbird“ von Andrea Magnani

Ein warmherziges und sensibles Drama aus Italien mit „Glücklich wie Lazzaro„-Hauptdarsteller Adriano Tardiolo in einer weiteren, überzeugenden Rolle: Giacinto wurde im Gefängnis geboren und verbrachte fast sein ganzes Leben dort. Als er im Schulalter in ein Waisenheim soll, reißt er dort aus und läuft zurück „nach Hause“, da er sich nur hinter Gittern sicher fühlt. Als junger Erwachsener wird das zum Problem, da Giacinto nun auf eigenen Beinen stehen und für sich sorgen muss. Ein schwieriger Abnabelungsprozess beginnt, bei dem der junge Mann seinen Weg in der unsicheren und ungeschützten realen Welt erst finden muss.

„Jailbird“ ist ein weiterer gelungener Festivalbeitrag aus Italien (neben „Amusia“ und „The Bone Breakers“) und erzählt davon, wie schwer es ist, sich von Gewohntem und Geliebtem zu lösen. Die Attraktion des Films ist das sensible Spiel von Adriano Tardiolo (dessen Rolle nicht nur einmal an seinen Lazzaro erinnert), in Kombination mit dem von Giovanni Calcagno ebenfalls überzeugend verkörperten Gefängnisdirektor, der die Rolle des Ersatzvaters von Giacinto einnimmt.

Rating: 74/100

von Christian Klosz

Beide Filme wurden im Programm des PÖFF – Black Nights Film Festival 2022 gesehen.

Bildquelle: PÖFF (aus „The Bone Breakers“)