Das „Black Nights Film Festival“ in Tallinn, kurz PÖFF, gehört zu dem guten Dutzend A-Festivals weltweit – also Festivals, die eigene Wettbewerbe abhalten (dürfen) – und ist das einzige solche Nordeuropas (der bei uns bekannten Viennale fehlt etwa dieses Prädikat). Nach 2020 berichtet Film plus Kritik auch heuer von dem Festival, das neben Kino- auch Online-Screenings anbietet, und stellt einige Filme aus dem offiziellen Programm in kurzen und mittellangen Kritiken vor.

von Christian Klosz

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„Bungalow“ von Lawrence Côté-Collins

Der Traum vom Eigenheim als Alptraum: Sarah und Jonathan erwerben eine Bruchbude, die erste Freude, nun ein eigenes Heim zu besitzen, wandelt sich schnell ins Gegenteil, als ihnen die exorbitanten Kosten bewusst werden, die für eine ordentliche Renovierung aufzubringen sein werden. Bei dieser geht einiges schief, das Paar verschuldet sich und auch das Ergebnis ist kaum wie gewünscht. Obendrein wird Sarah schwanger – weitere Kosten. Während sich die beiden immer weiter voneinander entfernen, Jonathan seinen Job verliert und Sarah einen Flirt mit der weiblichen Renovatorin beginnt, eskaliert die Situation zunehmend. Eine Trennung bedeutet das vorläufige Ende aller Hoffnungen auf die Vollfüllung des unhinterfragten Ideals von Haus, Familie und Kind als Ziel aller Lebensmüh. Verzweifelt schließt Jonathan (im übertragenen Sinn) einen Pakt mit dem Teufel, also eine Abmachung mit einem kriminellen Bekannten, die ihm kurzfristig massenhaft Geld einbringt. Zu spät erkennt er, dass auf Sand (und „Blutgeld“) gebaute Träume nicht von Dauer sind.

„Bungalow“ ist eine schräge Mischung aus Komödie und Drama, die immer noch existente, aber in der Gegenwart kaum noch erfüllbare Ideale eine Mittelklassegesellschaft auf ihre Berechtigung abklopft und hinterfragt. Als Stilmittel wählt sie satirische Überspitzung, die kritische Message ist relativ klar: Unrealisierbare Träume sind Schäume. Während die scheinbar spärlichen finanziellen Mittel im Film kreativ eingesetzt wurden, ist das Ergebnis zwar interessant, aber auch wenig „nachhaltig“ – ein solider Independent-Streifen mit einigen gelungenen Ideen und Momenten, aber doch zu schnell wieder vergessen.

Rating: 57/100

Bildquelle: PÖFF bzw. © Coop Vidéo de Montréal 2022