Ein absurdes, teils verstörendes Kammerspiel, dessen offene und vielfältige Interpretationsmöglichkeiten einen Teil seines Reizes ausmachen: Über knapp 1,5 Stunden beobachten wir (nahezu ausschließlich) den jungen Erwachsenen Karol und die zirka doppelt so alte Marta in einer kleinen polnischen Wohnung. Er verbringt dort seine Haft mit Fußfessel (den Grund für seine Inhaftierung kennen wir nicht), statt sie im Gefängnis abzusitzen, „Erzieherin“ Marta kommt täglich vorbei, um ihm bei der „Re-Sozialisierung“ zu helfen, sprich: Ihm „Aufgaben“ zu geben, durch deren Absolvierung er seine Fähigkeit zur Re-Integration in die Gesellschaft beweisen soll. Als sie schließlich – entgegen ihren offiziellen Auflagen – bei ihm einzieht und die Tasks immer absurder werden, Marta etwa eine Karol aufgetragene Masturbation zur ihren erotischen Posen mit „A+“ bewertet, kippt das Ganze endgültig in eine toxische (weibliche) Machtfantasie, aus der Karol, nun Opfer, zu entkommen versucht.

„The Hatcher“ (engl., etwa „Die Brüterin“), Debütfilm des polnischen Regisseurs Grzegorz Mołda, vermischt komische, satirische und tragische Elemente zu einer filmischen Versuchsanordnung, die völlig offen zur Interpretation bleibt: Repräsentiert Marta einen „überschießenden Fürsorgestaat“, der in privateste Bereiche eingreift? Kritisert der Film staatliche Vorstellungen von „Re-Edukation“ und die Idee, dass jedes Mitglied der Gesellschaft erst dann vollwertig ist, wenn es „brav“ ist, sich anpasst und tut, was ihm aufgetragen wird? Ist es Kritik am Bildungs- und Justizsystem, an elterlichen Erziehungsmethoden? Doch „nur“ eine satirische Abhandlung über subtile Machtfantasien in Beziehungen und deren toxische Effekte? Oder purer Nihilismus?

Wir wissen es auch am Ende nicht. In jedem Fall aber ist „The Hatcher“ ein starker und gut gemachter Debütfilm, dessen kryptischer absurd-tragisch-komischer Humor ihm eine gewisse Tiefe verleiht und dessen Message – sofern es überhaupt eine gibt – durch überzeugende Darstellerleistungen vermittelt wird. Insbesondere Agnieszka Kryst in ihrer ersten Filmrolle als Marta stellt eine wahre Entdeckung dar.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(76/100)

Gesehen beim PÖFF – Black Nights Film Festival Tallinn, wo der Film im Rahmen der First Feature Competition gezeigt wurde. Regulärer Kinostart in Polen Anf. Dezember.

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Bildquelle: PÖFF