„Amusia“ von Marescotti Ruspoli

Ein schöner, sanft melancholischer, geradezu poetischer Film über zwei Menschen, die sich in seltsamen Lebenssituationen wiederfinden und sich gegenseitig finden, und damit sich selbst: Er ist Rezeptionist in einem rot leuchtenden Stundenhotel irgendwo in einem mittelitalienischen Städtchen, das nichts zu bieten hat, außer massig Charme und die dort lebenden Charaktere und Originale (das lokale Ristorante serviert nach Sperrstunde Hungrigen Pasta, die inklusive Teller mit nach Hause genommen werden oder am Weg verspeist; die Teller bringt man am nächsten Tag wieder zurück). Seine Eltern sind tot, die Leidenschaft für Musik hat er von ihnen geerbt, er liest F. Scott Fitzgerald und mag „Apocalypse Now“. Sie ist ziellos Reisende, die einer Gesellschaft entflieht, die sie nicht versteht, denn sie „versteht“ Musik nicht, da sie an der seltenen (real existierenden) Krankheit Amusie leidet, die das Hören und Genießen von Musik verunmöglicht. Zwischen diesen beiden mitten im Leben gestrandeten entspinnt sich eine schöne Liebesgeschichte, die von Kameramann Luca Bigazzi („La grande bellezza“) in teils betörenden Bildern eingefangen wird.

Einzig gegen Ende verliert „Amusia“ etwas den Fokus und aus einem zuvor auf allen Ebenen überzeugenden Debütfilm wird ein „nur noch“ sehr guter, der dennoch ein neues italienisches Regietalent ankündigt.

Rating: 75/100

„Linoleum“ von Colin West

Ein nostalgischer und verrätselter Independent-Streifen aus den USA, der sensibles Familiendrama mit clever konstruierter Psycho-Studie verbindet: Astronom Cameron Edwin, der eigentlich immer Astronaut werden wollte, aber es nie weiter gebracht hat als zum Host einer lokalen Science-Sendung für Kids, dessen midlife und Ehe sich in der Krise befinden, wird Zeuge verwirrender Vorkommnisse. Erst stürzt ein Auto aus heiterem Himmel herab, dann landet ein alter Satellit in seinem Garten, seltsame Figuren tauchen plötzlich auf, die er nicht einordnen und benennen kann. Schritt für Schritt kommt Cameron – und damit auch der Zuschauer – der wahren Bedeutung von all dem auf die Spur, bis sich „Linoleum“ schließlich zur Parabel über Leben, Tod und verblassende Erinnerung zusammenfügt: Ein nicht unclever konstruierter und solide erzählter und inszeniertes Independent-Drama, dem trotz der mysteriösen Handlung zeitweise etwas die Spannung fehlt, aber sich als durchaus kreative Auseinandersetzung mit dem Altern auszeichnen kann.

Rating: 69/100

„578 Magnum“ von Dung Luong Dinh

Der Plot von „578 Magnum“ reicht gerade für einen Werbespot: Die Tochter eines (alleinerziehenden) Truckfahrers wird von fiesen Gangstern entführt, deren einer eine Vorliebe für kleine Mädchen zu haben scheint. Trucker Hung will sich rächen. Das macht er dann gut 1,5 Stunden lang, während die Kampfsequenzen zwar nett choreografiert sind, aber immer absurder werden: Natürlich kann es der an sich zurückhaltende Hung völlig unbewaffnet mit einer ganzen Armee aus zwei dutzend Profigangster aufnehmen. Mehrfach versteht sich.

Zwei brennende Fragen, die sich nach der Sichtung dieses überdrehten und vollkommen unrealistischen Actionfilms stellen: 1. Was hat so ein Film im offiziellen Wettbewerb eines A-Festivals zu suchen? und 2. Warum wurde er vom Produktionsland Vietnam ins Oscar-Rennen geschickt? Beantwortet jedenfalls wird die Frage, ob auch andere Länder als die USA hirn- und sinnlose Actioner produzieren können: Eindeutig ja.

Rating: 23/100

Texte von Christian Klosz

Alle Film gesehen im Rahmen des PÖFF – Black Nights Film Festival Tallinn 2022.

Bildquelle: PÖFF Festival (aus „Amusia“)