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Ein Film wie ein Schlag in die Magengrube: Der im März 2022 aus Russland emigrierte Regisseur Boris Guts konnte diese Rekonstruktion der Ereignisse in Minsk/Weißrussland nach der gefaketen „Wiederwahl“ von Diktator Lukaschenko im August 2020 – heute einer von Putins engsten Verbündeten – wegen Drehverboten nur in Estland realisieren. In einem 80-minütigen single-take-shot zeigt Guts, nach Schilderungen von Augenzeugenberichten, die brutale Niederschlagung von Protesten gegen das totalitäre weißrussische Regime, das auch vor an sich Unbeteiligten keinen Halt macht: Ein hochaktueller und mutiger Film mit politischer Sprengkraft, in Russland und seinem verbündeten Nachbarland inzwischen verboten.

von Christian Klosz

„Minsk“ folgt dem neu verheirateten, jungen Paar Julia und Pavel. Unbedarft wollen sie nach einem leidenschaftlichen gemeinsamen Tag am Abend etwas durch die Gegend spazieren und Luft schnappen. Ihr Freund Sania hat gehört, dass im Stadtzentrum Minsks nach der manipulierten Wahl Menschen gegen den Diktator protestieren. Er will dabei sein, wenn der „Alte“ aus dem Amt gejagt wird, Julia und Pavel fahren ohne große Hintergedanken mit ihm im Auto mit gen Zentrum. Vor Ort steht die Lage knapp vor Eskalation, vermummte und schwer bewaffnete Polizeischläger machen im Namen des Regimes Jagd auf Protestierende, aber auch völlig Unbeteiligte, die zufällig in der Nähe sind. Julias und Pavels kurzfristige Flucht in ein Wohnhaus endet, als einer der Polizisten mit seinen Kollegen dort auftaucht – es ist die Wohnung seiner Mutter. Die sich Versteckenden werden mit Gewalt in einen Kastenwagen gepfercht, in ein Gefängnis gesperrt, geschlagen, gefoltert und schließlich dazu gezwungen, erfundene Geständnisse zu unterschreiben. Nicht alle werden diesen Tag überleben.

Guts zeigt in „Minsk“ die alltäglichen Abgründe autoritärer Autokratien, die überall lauernde Gefahr, selbst für (in den Augen des Regimes) „Unschuldige“; die brutale Polizeigewalt, die in ähnlicher Form spätestens seit Februar 2022 auch in Russland für alle sichtbar wurde; animalische Instinkte, Bosheit, Dummheit und Feigheit, die die Schergen des Systems auszeichnen, vielleicht sogar Voraussetzung für ihre Existenz sind: Hier unschuldige Menschen, die für Freiheit und Demokratie einstehen, sie werden zu Objekten und casualities im Kampf um Machterhalt, dort willfährigen Instrumenten des Bösen, die jegliche Menschlichkeit verloren haben.

„Minsk“ ist nicht nur als Blick ins heutige Weißrussland relevant, nicht nur wegen des Kriegs in der Ukraine, der von Lukaschenko mitgetragen wird und in Russland ähnliche Zustände sichtbar gemacht hat, nein: Die hier dargestellten Vorgänge sind universell gültig für undemokratische Systeme und blühen jeder Gesellschaft, die sich nicht rechtzeitig gegen populistische und demagogische politische Praktiken, gegen Propaganda, Verbreitung von Lügen und Verzerrung der Wahrheit, gegen den Einzug illiberaler, unsolidarischer und unmenschlicher Ideen und Ideale wehrt, sprich: Auch uns.

Fazit

Ein schockierender filmischer Weckruf, mutig und wichtig, technisch sauber realisiert und neben dem in Fokus stehenden hoch relevanten und aktuellen inhaltlichen Aspekt auch ein peitschender und temporeicher Thriller (inklusive überzeugendem Soundtrack), sofern diese Kategorisierung hier in irgendeiner Form angemessen erscheint. Mit traurigem und leider allzu realem Hintergrund.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(81/100)

Gesehen im Rahmen des PÖFF – Black Nights Film Festival Tallinn 2022.

Bildquelle: PÖFF / Leo Films