Das „Black Nights Film Festival“ in Tallinn, kurz PÖFF, gehört zu dem guten Dutzend A-Festivals weltweit – also Festivals, die eigene Wettbewerbe abhalten (dürfen) – und ist das einzige solche Nordeuropas. Nach 2020 berichtet Film plus Kritik auch heuer von dem Festival, das neben Kino- auch Online-Screenings anbietet, und stellt einige Filme aus dem offiziellen Programm in kurzen und mittellangen Kritiken vor.

von Christian Klosz

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„Theo: Eine Konversation Mit Der Ehrlichkeit“ von Damien Hauser

Der gerade 21-jährige Schweizer Jungregisseur Damien Hauser präsentiert einen technisch zwar gut gemachten, aber geradezu gefährlich naiven Debütfilm, der gern eine tiefgründige filmische Konversation mit dem Publikum über Fragen der Schuld und „Täterschaft“ sein möchte, aber dabei aufgrund seiner ideologischen Blindheit und Unreflektiertheit vollkommen scheitert.

Simi (Jakob Fessler) ist ein junger, etwas unsicherer Mann, der noch nie Sex hatte. Seine Kumpels drängen ihn, es doch mal zu versuchen, mit Tipps ausgestattet nähert er sich auf der Disco-Tanzfläche der von ihm begehrten Tamara . Der Versuch eines Quickies im Klo fällt in ebenjenes, ebenso wie der Mageninhalt Tamaras, die sich wegen zu viel Alkohol übergeben muss, der von beiden gleichermaßen gewünschte Geschlechtsverkehr wird verschoben, man vereinbart ein Treffen bei Tamara zuhause nächsten Tag. Dort wird – ebenso konsensual – zu Ende gebracht, was am Vortag begonnen wurde, wenngleich Tamara ob ihres Hangovers nicht ganz glücklich darüber zu sein scheint. Kurz darauf taucht in den „sozialen“ Netzwerken die Behauptung Tamaras auf, sie wäre von Simi vergewaltigt worden. Der weiß nicht, wie ihm geschieht – immerhin war der Sex einvernehmlich gewesen und Tamara hatte zu keinem Zeitpunkt „nein“ gesagt, wie später auch ein Gericht feststellen würde, das Simi folglich von allen Vorwürfen freispricht. Simi fliegt von der Schule, lebt erst bei seiner Mutter, dann in einem Abstellkämmerlein, kann keinen Job finden, während sich sein mentaler Zustand stetig verschlechtert.

„Theo: Eine Konversation Mit Der Ehrlichkeit“ gibt sich als sensibles Drama, das scheinbar die Seite eines „Täters“ verstehen möchte, um allgemein im Zuge der #metoo-Debatten aufgekommene Fragen zur Diskussion zu stellen. Während einerseits durchaus wichtige und richtige Aspekte angesprochen und in einzelnen Sequenzen auch offen reflektiert werden – etwa die Dynamiken von Social Medias, die „schwarz-weiß“-Bewertungen – tappt er schließlich selbst in die Falle und macht genau dasselbe: Das „Interesse“ für den „Täter“ ist nämlich lediglich insofern vorhanden, als Erlösung nur über Erkenntnis und Sühne geschehen kann, das heißt laut Film die Übernahme der Sichtweise des Opfers. Das mag in Fällen tatsächlicher (sexueller) Gewalt richtig sein. Damit haben wir es hier allerdings nicht zu tun. Simi selbst darf keine eigenen Gefühle, Motive oder Wahrnehmungen haben und wenn, werden sie pathologisiert.

Die Krux an der ganzen Sache ist eben, dass das, was wir im Film sehen, was zwischen Simi und Theresa tatsächlich passiert, kein sexueller Übergriff ist. Simi ist kein Täter. Weder hat er Motiv, noch Intention, noch wurde ihm von Theresa klar kommuniziert, dass sie das nicht wolle. Er will mit seiner Auserwählten Sex haben, wie beide am Vortag gemeinsam besprochen hatten, die Frage nach einem „Machtgefälle“ (wie etwa zwischen Erwachsenen und Kindern, bei denen sich ein erwachsener Täter natürlich nicht auf ein ausbleibendes „Nein“ berufen kann) stellt sich nicht, da beide mündige junge Erwachsene sind. Fraglos hätte sich Simi in der Situation sensibler verhalten können, Theresa fragen können, ob es ihr gut gehe, ob sie das nun auch wirklich wolle. Die Tatsache, dass er das nicht gemacht hat (in Kombination mit einem ausbleibenden Signal seiner Partnerin, das nicht zu wollen) macht ihn vielleicht zum übermütigen Jungspund, aber nicht zum Gewalttäter, wie auf sehr manipulative Weise behauptet wird.

„Theo: Eine Konversation Mit Der Ehrlichkeit“ hätte zwei Möglichkeiten gehabt, ein guter Film zu sein: a) Er würde einen tatsächlichen sexuellen Übergriff behandeln und dann – korrekterweise – den Weg zur „Heilung“ über die Konfrontation und Selbsterkenntnis illustrieren, oder b) Er würde die Begebenheit als Beispiel für die Komplexität menschlicher Beziehungen und Intimität begreifen, aufgrund derer unterschiedliche Perspektiven und Wahrnehmungen zu fatalen Missverständnissen führen können. Er macht nichts davon, sondern vermischt beides, und scheitert damit auf ganzer Linie, da er offen gleichberechtige Kommunikation und die Bewertung von Schuldfragen in liberal-demokratischen Gesellschaften und Rechtssystemen infrage stellt und so (indirekt) Selbstjustiz legitimiert und propagiert.

Rating: 5/100

Bild: PÖFF / © 2022 art4um