Ben Manalowitz (B.J. Novak) ist typischer Großstädter der auslaufenden Postmoderne: Beziehungstechnisch will er sich nicht binden, Optimierung ist entscheidender Parameter seines Handeln und neben seinem Schreiberjob beim prestigeträchtigen „New Yorker“ träumt er davon, als Podcaster „the next big thing“ zu werden. Unerwartet erreicht ihn im Big Apple ein Anruf aus dem fernen Texas: Ty Shaw (Boyd Holbrook), Bruder von Abilene, eine von Bens „casual hoop-ups“, erzählt, dass diese zuhause tot aufgefunden wurde. Als ihr Freund (so hatte es Abilene ihrer Familie dargestellt) solle Ben jedenfalls vorbeikommen und von seiner Geliebten Abschied nehmen.

von Christian Klosz

Ben nimmt den langen Weg auf sich, hat aber nur eine Absicht: Die traurige Story eines scheinbar an einer Überdosis gestorbenen Südstaaten-Girls in einen Podcast zu verwandeln, der endlich sein Durchbruch sein könnte. Er interviewt Familie und Umfeld von Abilene – vorgeblich, um mit Ty gemeinsam den „Fall“ zu lösen, hinter dem der mehr vermutet. Und kommt so einer „Kultur“ und Lebensart näher, die ihm zuvor völlig fremd war. Die Rekonstruktion von Abilenes Leben und Tod wird für Ben zur Suche nach den verbindenden und trennenden Mythen über Amerikas Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und zur Suche nach sich selbst.

B.J. Novaks Regiedebüt ist eine positive Überraschung des rezenten US-Kinos: Weder setzt es auf lauten Bombast, der die unschönen Dinge unserer Gegenwart überlagern möchte, noch bezieht es einseitig oder kalkuliert Position für die eine oder andere Seite einer gespaltenen Nation im Kulturkampf, die den Sinn für eine „gemeinsame, verbindende Wahrheit“ verloren hat. Vielmehr sucht der Film nach Verständigung, verbindenden Elementen, stellt aber gleichzeitig alle Widersprüche, Licht- und Schattenseiten beider Seiten dar und versteht Reibung und Konflikt als notwendige Elemente einer erst zu erfolgenden Annäherung.

Prototypisch für diese „beiden Amerikas“ steht auf der einen Seite Ben, der gebildete Großstädter inmitten (und gefangen von) der typisch postmodernen (digitalen) Aufmerksamkeits- und Optimierungsökonomie; auf der anderen Seite Abilenes texanische Familie und deren „traditionelles“ Leben auf weiten, leeren Flächen, für die „Herz“, Familiensinn und Zusammenhalt zentrale Ideale und Werte sind. Blue state vs. red state, liberal vs. konservativ, postmodern vs. traditionell – es gibt viele Begriffspaare, die die Konfliktlinien beschreiben können, die die gegenwärtigen USA trennen und prägen und an denen „Rache auf Texanisch“ sich abarbeitet. Ben nähert sich nach Startschwierigkeiten seiner neuen Umgebung ebenso offen wie Abilenes Familie sich ihm, wie auch der Film beide „Seiten“ mit ehrlichem Interesse und ohne Vorurteile darstellen will. Die tragisch verstorbene Abilene stellt das Bindeglied zwischen beiden Welten dar. Allein für die Absicht, die (Hinter-)Gründe dieser gesellschaftlichen Spaltung zu erforschen und darüber hinaus Lösungsvorschläge anzubieten, gebührt dem Film und seinem Regisseur Lob.

Oberflächlich betrachtet ist „Rache auf Texanisch“ (ein unpassend plakativer deutscher Verleihtitel; Original „Vengeance“) ein Drama mit Thriller- und Western-Elementen, durchwegs gut besetzt und hervorragend geschrieben: Novak, Harvard-Absolvent in Literatur, beweist auch als Drehbuchautor (neben Regie und Darstellerrolle) großes Talent. Nicht nur ist die Dramaturgie gelungen und kann mit der einen oder anderen unerwarteten Wendung aufwarten, vor allem die Dialoge (und die in ihnen verhandelten Themen) zeichnet eine von einem Genre-Film nicht unbedingt zu erwartende Tiefgründigkeit, Intelligenz und literarische Qualität aus.

Hervorheben möchte man zudem die Rolle von Ashton Kutcher, der einen texanischen Musikproduzenten mimt, der geradezu philosophische Weisheiten von sich geben darf und schließlich Schlüssel zur Aufklärung von Abilenes Tod sein wird. Seine Figur repräsentiert eine ambivalente und am Ende zutiefst zynische Kraft, die ausgehend von Idealismus zwar mitunter das Richtige will, aber aus egoistischen Motiven das Falsche tut: „The defining truth of our time: Everything means everything, so nothing means anything.“

Fazit

Alles in allem ist „Rache auf Texanisch“ die Art von Film, die das US-Kino bitter nötig hat: Ambivalenzen zulassend, klug und tiefgründig, kritisch und erbarmungslos, aber auch verbindend. B.J. Novak hat ein starkes und vor allem inhaltlich überzeugendes Debütwerk vorgelegt, das zu den positiven Überraschungen des noch jungen Filmjahres 2023 zählt. Ab 19.1. im Kino (Deutschland).

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

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Bild: (c) 2022 Focus Features, LLC.