Über Scheiße spricht man nicht: Eines der gängigsten Tabus der menschlichen Zivilisation bezieht sich auf menschliche Ausscheidungen, die kulturell negativ konnotiert sind, nicht umsonst redet man von „Fäkalsprache“. Und wem Unheil passiert, der quittiert das in unseren Breiten meist mit dem Ausruf „Scheiße!“

von Christian Klosz

Dass auch diese für uns unhinterfragten Gegebenheiten kulturell gewachsen sind und das Ergebnis eines komplexen Zivilisationsprozesses, das ergründet der Film „Holy Shit“. Er erzählt von den Anfängen moderner Abwasseraufbereitung, den medizinisch-hygienischen Vorzügen und den positiven Auswirkungen wie die Ausrottung gefährlicher Krankheiten. Aber auch von den Problemen und der fehlenden Nachhaltigkeit unseres aktuellen Umgangs damit. Nicht umsonst nennt sich die Doku „Holy Shit“, denn sie schreibt der heiligen Scheiße die Kraft zu, die Welt zu retten, zumindest ein bisschen. Dazu kommen im Film Pioniere zu Wort, die an Alternativen zu gängigen Toiletten und Kläranlagen arbeiten, die in unserer gewohnten Form Abwasser zwar reinigen, aber die Rest nicht zurück in den „natürlichen Kreislauf“ geben.

Mit Scheiße die Welt retten – geht das?

„Holy Shit“ ist ein ungemein informativer, aktueller, gut recherchierter und spannender Dokumentarfilm, der einen oft vernachlässigten Aspekt nachhaltigen Lebens / des Umweltschutzes behandelt. Regisseur Rubén Abruña folgt den üblichen Wegen menschlicher Ausscheidungen (aus der Toilette in die Kanalanlage bis hin zu Abwassersammelbecken, durch Kläranlagen – und zurück ins Meer) und stellt die Frage, welche Probleme sich daraus ergeben könnten, dass der „natürliche Kreislauf“ unterbrochen wurde.

Durch die Entwicklung moderner Abwasser- und Kanalsysteme wurde zweifelsohne ein großer Fortschritt geschafft: Viele Krankheiten konnten so ausgerottet werden, die Lebenserwartung stieg, insbesondere westliche Gesellschaften konnten sich auf diesem Weg lange Zeit einen beachtlichen Zivilisationsvorsprung verschaffen. Die Rechnung war innovativ, aber nicht nachhaltig. Denn durch die Auslagerung der Abwassernutzung wurden wichtige Teile aus dem Kreislauf genommen: Fäkalien aller Art (tierische werden wie selbstverständlich ebenso genutzt!) können als natürlicher Dünger dienen, sollten „zurück in die Natur“ gegeben werden, denn sie enthalten wichtige Stoffe (Phosphat), die nun chemisch hergestellt werden. Zudem finden sich in Kläranlagen auch Schadstoffe aus der Industrie, die teilweise wieder ins Grundwasser gelangen und dort Schaden anrichten.

Da wäre es doch besser und klüger, so „Holy Shit“, alternative Wege der Exkrementverarbeitung anzustreben, die menschliche Ausscheidungen dem natürlichen Kreislauf zurückgeben und so umweltschonend denselben Effekt zu erzielen wie teuer und ungesunde chemische Dünger. Der Regisseur besucht Pioniere und Innovateure in der Schweiz, Uganda, Südkorea, Australien, die diese Idee im Kleinen oder Großen bereits umsetzen.

„Holy Shit“ ist aber nicht nur informativ, sondern auch spannend: Man erhält detaillierte Einblicke in die Mechanismen zivilisatorischen Fortschritts, die Widerstände, die sich immer wieder vor neuen Ideen aufbauen. Bekommt aber auch vor Augen geführt, dass „Fortschritt“ und „Innovation“ nie statisch sind, vielmehr eine stete Notwendigkeit und Konstante, die nicht immer nur in eine Richtung laufen. Ein komplexes Phänomen also.

Holy Shit Mit Scheiße die Welt retten

Wühlen in der Scheiße: Mut zum Forschen, Fortschritt und Nachhaltigkeit

Technisch ist an „Holy Shit“ nichts zu bemängeln. Besonders die „Erzählstruktur“ ist sehr gut und flüssig gestaltet, auch Christoph Maria Herbst als Synchronsprecher/Erzähler ist ein Gewinn für den Film. Sein größtes Asset bleibt aber seine Aktualität, die weit über das Thema „Scheiße“ hinausgeht: Der Film regt zum Reflektieren an und macht Mut, ist ein Anstoß zum Nachdenken darüber, wie drängende Fragen an zivilisatorischen Weggabelungen gelöst werden können. Und an einer solcher Weggabelung befindet sich die Menschheit derzeit zweifelsohne.

Fazit

Gar nicht scheiße: „Holy Shit – Mit SCH#!$E die Welt retten“ ist ein kurzweiliger, gut recherchierter, spannend erzählter und hochinformativer Dokumentarfilm, der weit über sein eigentliches Sujet, menschliche Fäkalien, hinausgeht. Ein gelungenes filmisches Beispiel dafür, wie Forschung, Innovation und Nachhaltigkeit als etwas Positives, Spannendes vermittelt werden können.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(83/100)

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Bilder: © Filmwelt © farbfilm verleih