Dem Streamingportal Netflix kann sicherlich vieles bescheinigt werden: eine gewisse Form der Geldverschwendung, eine wenig durchsichtige Preispolitik oder aber die hohen Ambitionen, an denen Filme und Serien mittlerweile regelmäßig scheitern und kurzerhand abgesetzt werden. Selbstironie gehörte jedoch nicht zu den Dingen, die mit dem Portal verbunden werden. Bei der letzten Szene von „Leave the world behind“ geht aber kein Weg an einem bitteren Schmunzeln vorbei. Doch von Anfang an.
von Cliff Lina
Der Film startet mit Clay und Amanda, einem Paar aus New York, das es mit ihren Kindern hinaus in die vermeintliche Idylle treibt. Raus aus dem alltäglichen Stress, rein in den Pool eines malerischen Ferienhauses. Als bei einem Strandbesuch plötzlich ein Öltanker im Sand parkt und noch am selben Abend die angeblichen Eigentümer des Hauses vor der Tür stehen, weicht die Entspannung schnell der Anspannung. Ohne Internet und ohne Anbindung an irgendwelche Informationsquellen gilt es fortan herauszufinden was überhaupt los ist. Alles nur eine technische Störung oder doch das Ende der Welt?

Formell erinnert das Werk von Sam Esmail, bekannt für seine Serie „Mr. Robot“ damit stark an „Knock at the Cabin“ – wenngleich G.H. und Ruth, die nächtlichen Besucher, bei weitem weniger einschüchternd wirken. Und doch entsteht von Beginn an eine gewissen Distanz, die auf einer Mischung aus gesundem Menschenverstand und Vorurteilen fußt. Verstärkt durch die mangelnde Möglichkeit der Informationsbeschaffung füllen persönliche Spannungen den Raum, die sich erst im weiteren Verlauf auflösen, eben als die Protagonisten erkennen, dass der Ausweg nur über den Zusammenhalt führt. Doch „Leave the world behind“ ist keine Charakterstudie im klassischen Sinne, obwohl viele Dialoge auf begrenztem Raum die Basis für den Endzeit-Thriller bieten.
Durch die sehr unterschiedlichen Auffassungen und Verfassungen der Figuren lädt das Werk dazu ein sich auch selbst zu hinterfragen. Wie würde ich mit dieser Situation umgehen? Könnte ich vertrauen? Wäre ich vorbereitet? Ein Schreckensszenario, das in der zivilisierten Welt so fern wirkt, angesichts weltpolitischer Ereignisse jedoch realistischer als selten zuvor anmutet. Von dieser Angst profitiert der Film in der ersten Hälfte ungemein, sodass die vorherrschende Ereignislosigkeit – selten unterbrochen von Actionsequenzen – weder langweilig noch unpassend wirkt. Doch spätestens im letzten Drittel drängt sich die Befürchtung auf, dass die verbleibende Laufzeit nicht ausreichen wird um die aufgeworfenen Fragen zufriedenstellend zu beantworten. Vieles bleibt unklar, einzig die Kritik an der schieren Abhängigkeit von Technologie und Medien wird überdeutlich – womit die eingangs erwähnte Selbstironie ins Spiel kommt.
Letztlich reicht die aber nicht aus, um die knapp zweieinhalb Stunden auf einer befriedigenden Note enden zu lassen. Dafür ist Esmails Verfilmung der Vorlage zu halbherzig und gleichwohl zu ambitioniert. Das ist ungemein schade, vor allem weil der Film technisch ein großes Wagnis eingeht: Die teilweise komplett losgelöste Kameraführung, irgendwo zwischen Gesichts-Close-Ups und irritierenden Überkopf-Fahrten ist ein absoluter Augenschmaus, gerade in Verbindung mit der message des Films. Auch hier verlassen wir uns auf die Technik, auf unsere Gewohnheiten, darauf, dass die Kamera die Bilder so einfängt, damit wir sie verstehen. Doch was passiert, wenn von der Norm abgewichen wird? Wie schnell kann das Gewohnheitstier ausbrechen und sich an eine fremde Situation anpassen? Wenn die Inszenierung diese Fragen bewusst unterstreichen wollte, ist das ein kleine Meisterleistung. Am Ende ragt diese aber über die Erzählung hinaus, die gen Ende auch nur noch planlos durch das Drehbuch irrt.

Fazit
Wenn Peele und Night Shyamalan ein Kind in Filmgestalt bekämen, es sähe vermutlich so aus wie „Leave the world behind“. Eine desorientierte Kamera, die über eine dystopische Szenerie wabert und Figuren dabei beobachtet, wie sie daran scheitern sich einen Reim auf das alles zu machen. Ein kritischer Kommentar über die humane Abhängigkeit von Technologie oder doch eine große Verschwörung, die die USA als Feindbild dechiffriert? Anfangs spannend, gegen Ende nur noch überladen. Dass das Ehepaar Obama hier maßgeblich mitfinanziert hat, macht die Verwirrung komplett.
Bewertung
(64/100)
Bilder: (c) Netflix
