Narrative, die anhand von Tieren erzählt werden, ermöglichen es oft, den Kern der jeweiligen Erzählung in besonderer Weise offenzulegen. So erhält der Zeichentrickfilm „Feivel, der Mauswanderer“ (1986) eine besondere Qualität, indem er die Geschichte rund um Emigration und Immigration um Mäuse herum spinnt.

von Richard Potrykus

Ähnlich verfährt die Graphic Novel „Maus“, die Mäuse und Katzen nutzt, um den Schrecken des Holocausts in außerordentlicher Weise zu repräsentieren, und ist der Klassiker „In einem Land vor unserer Zeit“ (1988) eine Coming-Of-Age-Geschichte, die fantasievoll und zeitlos zugleich ist.

Pablo Bergers Fabel „Robot Dreams“ (2023), der im vergangenen Jahr auf Festivals begeistern konnte und auch bei der Oscar-Verleihung im Rennen um den besten Animationsfilm antrat, ist ebenfalls eine dieser Erzählungen, die das Publikum auf eine Reise mitnimmt, die einen anderen Eindruck vermittelte, würde sie statt durch Tiere durch Menschen transportiert. Er ist seit 9.5. in den Kinos zu sehen

„Robot Dreams“ handelt von einem Hund, der im New Yorker East Village lebt. Er hat keine*n Partner*in und pflegt auch keinerlei Freundschaften. Eines Tages entdeckt er im Teleshopping ein Angebot für den AMICA 2000. Unter der Frage „Are you alone?“ wird hier ein Roboter beworben, der als treue Begleitung all jenen zu Diensten sein soll, die sich nach Geborgenheit und sozialem Anschluss sehnen. Umgehend greift der Hund zum Telefon und bestellt sich das Produkt nach Hause. Ganz in der Tradition einer Gesellschaft, in der schwedische Möbel unkritisch als Bereicherung angesehen werden, muss der AMICA 2000 zunächst einmal zusammengebaut werden, doch kaum ist das geschehen, kann der Spaß auch schon losgehen.

Der Hund begeht umgehend einen klischeebeladenen Day Off mit seinem neuen besten Freund. Ein ausgedehnter Spaziergang im Central Park geht einher mit Passfotos aus der Fotobox und schließlich geht es an den Strand. Dort vergessen beide die Zeit, schlafen ein und erwachen erst spät am Abend wieder. Als der Hund und der AMICA 2000 aufbrechen und den Heimweg antreten möchten, müssen sie feststellen, dass sich der Roboter nicht mehr bewegen kann. Das Meerwasser und die Trocknung an der Sonne haben das Öl aus dem Getriebe herausgespült. Schweren Herzens muss der Hund den Roboter allein am Strand zurücklassen.

Als er am Folgetag zurückkehrt, findet er den Strand abgesperrt vor. Die Badesaison ist vorüber und er Strand nicht länger zugänglich. Versuche, dennoch an den Strand zu gelangen scheitern sowohl am Maschendrahtzaun als auch am Wachpersonal. Dem Hund bleibt nichts anderes übrig, als bis zum ersten Juni des Folgejahres zu warten, um dann am ersten Tag der neuen Saison legal und erfolgreich an den Strand zu gelangen und den neuen Freund zu retten. In der Zwischenzeit muss er sein Leben so weiterzuleben, wie er es bisher getan hat, und so zeigt der Film von da an, wie die Tage und Monate für den Hund und den Roboter vergehen, wie sie Wohlwollen und Unmut ihrer jeweiligen Umgebung ausgeliefert sind.

Fabeln zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass die tierischen Figuren sprechen können. In diesem Sinne ist „Robot Dreams“ keine Fabel, da der Film gänzlich ohne Worte auskommt. Es gibt keine Sprechakte, keine ausschweifenden Dialoge, in denen sich die Haupt- und Nebenfiguren über ihr Seelenleben austauschen, in Streit geraten oder große und kleine Pläne schmieden. Stattdessen stehen Mimik und Gestik im Zentrum allen Handelns. Einzig jene Informationen, die der Film aufgrund ihrer Bedeutung für die Handlung nicht umgehen kann, werden durch Schrift verbalisiert. So gesehen ähnelt „Robot Dreams“ auch Stummfilmen, die ähnlich expressiv mit dem Publikum kommunizieren und sich vorrangig auf die Kraft des Bildes konzentrieren.

„Robot Dreams“ spielt mit der sozialen Tragödie der heutigen Zeit. Die Isolation des Einzelnen und die damit einhergehenden Schwierigkeiten, in der Großstadt persönliche Bindungen einzugehen, bilden die Prämisse des Films. Doch, so trivial dies zunächst erscheinen mag, so differenziert wird dieses Thema den Film hindurch verhandelt. Wie kann es sein, dass soziale Gefüge ein Ding der Unmöglichkeit bedeuten, während man umgeben ist von zahlreichen Gruppierungen und Subkulturen, die unterschiedlicher kaum sein könnten? Der Film sieht den Argwohn gegenüber dem Fremden als Grund.

Der AMICA 2000 geht offenen Blickes durch die für ihn unbekannte urbane Welt, doch auf sein freundliches Lächeln erwidert das Umfeld zumeist mit vulgären Gesten und Abneigung. Die Welt scheint in Bereiche eingeteilt und zwischen jedem Bereich gibt es klare Grenzen. Lächelt der Roboter einen Passanten an, überschreitet er eine Grenze und wird zurechtgewiesen. Der gute Zweck heiligt hier ausdrücklich nicht die Mittel, und im Falle des Unglücks am Strand erst recht.

War es zuvor noch die Pikiertheit, die die Grenze bildet, ist es nun bewachter Maschendraht. Der Strand ist nicht nur geschlossen, er ist regelrecht abgesperrt, ein Durchdringen unmöglich, ganz gleich, wie sehr das Wohlergehen des Einzelnen davon abhängt. Schließlich versiegen die Bemühungen des Hundes, den Freund doch zeitnah zu befreien. Unterm Strich ist der gekaufte AMICA 2000 eben nur ein Gegenstand. Doch der Hund sollte Unrecht haben.

Der AMICA 2000 wurde vielleicht zusammengebaut, doch bereits die Inbetriebnahme, die an die Wachwerdung von Frankensteins Monster erinnerte, nahm vorweg, dass hier mehr aktiviert wurde als nur Schaltkreise. Der Roboter lässt sich von seiner Umwelt inspirieren. So naiv sein Umgang mit der Umwelt auch ist, so sehr ist er auch in der Lage, zu lernen, und mit dem Lernen kommt auch das Bewusstsein und damit die Träume.

Ab dem Moment, da der Roboter am Strand herumliegen muss, ändert der Film den Fokus. Statt der Möglichkeit zu sozialen Bindungen, konzentriert sich „Robot Dreams“ nun auf die Frage nach dem Wert und der Qualität etwaiger Bindungen. Während der AMICA 2000 gute und schlechte Erfahrungen macht und mehr und mehr erfüllt ist von Sehnsucht und der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen, fällt der Hund wieder in seinen anfänglichen Trott. Feiertage kommen und gehen, aber erreichen keinen Status, der über das Niveau einer Pflichtveranstaltung hinausgeht.

„Robot Dreams“ hat eine Länge von 102 Minuten und ist damit ein kleinwenig zu lang. Gerade die Abwesenheit wörtlicher Rede erfordert, dass die einzelnen Situationen für sich genommen werden und wirken können. Das führt zu Längen, in denen zwar die gestellten Fragen diskutieren werden, die aber die Handlung nicht vorantreiben. Für das Publikum ist schnell klar, dass eine Lösung des Konflikts erst mit Beginn der neuen Saison geschehen kann, und so bedeuten die einzelnen Begebenheiten, allen voran die Träume des Roboters, ein Treten auf der Stelle.

Gleichzeitig vergeht dennoch Zeit. Auf den Herbst folgt der Winter; auf den Winter der Frühling. Und wann immer Zeit vergeht, geraten Dinge in den Hintergrund. Das bedeutungslose Leben des Hundes geht weiter, mit und ohne Roboter. Diese melodramatischen, fast schon existentialistischen Qualitäten des Films verschaffen „Robot Dreams“ zwar einen Teil seiner Vielschichtigkeit, machen es dem Publikum aber nicht leichter.

Fazit

„Robot Dreams“ ist ein sehr schöner Film, der sich gerade durch seine Machart von anderen Filmen unterscheidet. Im Gegensatz zu anderen Animationsfilmen dieser Tage, die mit 3D-Optik und wilden Dynamiken zu beeindrucken suchen, setzt dieser Film auf eine klare Zweidimensionalität und einen Stil, der an Straßenkunst erinnert. Die Vermenschlichung der Tiere ist eindeutig, verzichtet aber nicht auf die jeweiligen tierischen Eigenheiten, wodurch die urbane Gesellschaft in der Vielzahl ihrer Stereotype dargestellt werden kann. Slapstick und emotionale Momente wechseln einander ab und sorgen für Abwechslung. Leider kann dies die Lauflänge nicht vollends ausgleichen, was einen Wermutstropfen in einem ansonsten eindrucksvollen und intelligenten Film darstellt.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(75/100)

Seit 9.5. im Kino.

Bild: (c) Polyfilm