Mord in Moscow: Was klingt wie der Titel eines Agatha Christie Romans, ist eigentlich der tragische Fall des University of Idaho Massakers, bei dem vier Studenten 2022 brutal zu Tode gekommen sind. Amazon Prime beteiligt sich am fortwährenden True-Crime-Hype und setzt sich in der neuen Doku-Serie „Eine Nacht in Idaho: Die College-Morde“ mit dem Verbrechen auseinander. Seit 11.7.2025 auf Prime Video.
von Natascha Jurácsik
Kaum nachdem das neue Semester an der University of Idaho startet, erfüllt sich der schlimmste Albtraum aller Eltern als die vier Freunde Kaylee Goncalves, Madison Mogan, Xana Kernodle und Ethan Chapin nach einer Party Nacht zu Hause in ihrem gemieteten Haus nahe dem Campus eintreffen und dort auf grausame Weise von Bryan Kohberger erstochen werden. Was zunächst wie ein schiefgelaufener Raubüberfall wirkt, ist in Wirklichkeit die Tat eines hochgestörten jungen Mannes, der von Frauenhass und einer psychopathischen Faszination mit Gewaltverbrechen geleitet wird.
„Eine Nacht in Idaho: Die College-Morde“: Neues True Crime-Format auf Prime Video
„Eine Nacht in Idaho: Die College-Morde“ nimmt entschieden die Perspektive der Angehörigen ein und verdeutlicht dies über die ausgiebigen Interview-Sequenzen und den generellen Aufbau der Doku. Hierdurch wird im Publikum sofort Empathie erweckt und es fällt leichter sich emotional auf die Geschichte einzulassen. Gleichzeitig bleibt die Serie durchgehend übersichtlich, wodurch man ihr trotz komplexer Informationen gut folgen kann.
Wie beim eigentlichen Fall 2022 rückt die Polizei auch in dieser Aufarbeitung nur sehr langsam mit handfesten Fakten heraus, wodurch auch die gesamte erste Folge zur Exposition dient und einen etwas schleppenden Anfang bietet. Da zusätzlich Prime – ähnlich wie der Streaming-Konkurrent Netflix – offenbar unter der Tendenz leidet, den Inhalt so lang wie möglich hinauszuziehen, wird die Aufmerksamkeit nur mäßig aufrechterhalten. Die vier knapp einstündigen Episoden von „Eine Nacht in Idaho: Die College-Morde“ sind definitiv zu viel und hätten besser auf zwei reduziert werden können. Dabei helfen auch nicht die ständigen Wiederholungen und immer wieder gezeigten Ausschnitte aus den Social Media Plattformen der Opfer; hier hätte man definitiv besser editieren können, damit das Publikum nicht droht sich inmitten einer herzzerreißenden Tragödie zu langweilen.
Interessant ist allerdings die Entwicklung des Falls im Zuge der Ermittlungen und was diese über die Beziehung zwischen Öffentlichkeit und Polizeiarbeit in Zeiten von Social Media aussagen. Da die Behörden in Moscow nur wenig Erfahrung mit solchen Verbrechen haben, ist der effizientieste Umgang mit der Presse offensichtlich nie eine Priorität gewesen, was schnell zu Unstimmigkeiten und allgemeinem Aufruhr führte. Dies eskaliert schließlich, als selbsternannte ‚Internet-Detektive‘ in den Sozialen Medien allerlei Theorien aufstellen und sogar anfangen die Angehörigen der vier Ermordeten zu beschuldigen, bis diese sich sogar aufgrund der negativen Aufmerksamkeit aus der Öffentlichkeit zurückziehen müssen.

Der Faktor True Crime-Fanatiker
Mit der steigenden Präsenz über-enthusiastischer True-Crime-Fanatiker in echten, laufenden Kriminalprozessen ist dies ein hochaktuelles und kompliziertes Thema, welches „Eine Nacht in Idaho: Die College-Morde“ leider nur vage anschneidet. Ein erhöhter Fokus auf das Zusammenspiel von Medien und Betroffenen im Kontext der Frage, wie die Zusammenarbeit von offiziellen Stellen und der Allgemeinheit besser funktionieren könnte, um das Leid der Hinterbliebenen zu minimieren, hätte der Serie einen faszinierenden roten Faden verliehen, der sie von anderen Projekten ihrer Art hervorgehoben hätte.
Ähnlich geht „Eine Nacht in Idaho: Die College-Morde“ mit dem Täter um: Als intelligenter Psychopath, der sein Verbrechen genau geplant hat und hierfür sogar seine Kenntnisse aus dem Psychologiestudium nutzte, ist Kohberger genauso furchteinflößend wie auch komplex. Sobald er als Verdächtiger bekannt wird, labt sich das Internet an seiner abnormalen Persönlichkeit – es entsteht eine kranke Faszination mit dem Mörder, die die Sympathie für die Opfer zu überschatten droht. Das Prime Original wollte hier wohl genau das Gegenteil ausdrücken und geht nicht besonders tief auf den Verurteilten ein, was zwar verständlich ist, aber besser hätte umgesetzt werden können, da hierdurch die interessantesten Aspekte der Geschichte, die für ein breiteres Publikum besonders relevant wären, etwas zu kurz kommen.
Fazit
Der hier dargestellte Fall hätte das Potenzial einen weitgehenden Diskurs zur Rolle der Medien und der Öffentlichkeit in der Aufklärung ungelöster Verbrechen zu ermöglichen – leider entscheidet sich „Eine Nacht in Idaho: Die College-Morde“ eher dafür, die mediokeren True-Crime-Dokus, wie sie auf Netflix zuhauf existieren zu imitieren, wodurch das Gezeigten trotz einer interessanten Aufarbeitung an etwas an Gewichtigkeit verliert.
Bewertung
(61/100)
„Eine Nacht in Idaho: Die College-Morde“ – Serie, 4 Folgen, auf Amazon Prime Video
Bilder: (c) Amazon prime Video
