Die dritte Staffel der Erfolgsserie „Monster“ von Ryan Murphy und Ian Brennan ist seit Anfang Oktober auf Netflix zu sehen und schlägt dabei ganz schön hohe Wellen. Nach Jeffrey Dahmer und den Menendez-Brüdern ist nun Ed Gein der Mittelpunkt der True Crime Serie – doch inwiefern kann der dritte Teil überhaupt noch als “True Crime” bezeichnet werden? Viel Wahres ist an der Geschichte, die sich im Laufe der acht Folgen abspielt, jedenfalls nicht dran. Ein “inspiriert von wahren Begebenheiten” wäre als Hinweis wohl angebracht gewesen.

von Natascha Jurácsik

Isoliert auf der einer Farm nahe des Ortes Plainfield in Wisconsin wächst Ed (Charlie Hunnam) Anfang des 20. Jahrhunderts in einer dysfunktionalen Familie auf: Sein Vater trinkt, sein Bruder hat eine Affäre mit einer geschiedenen Frau und seine Mutter – Eds unumstrittenes Ein und Alles – ist eine fanatische Christin, die das Leben ihres Sohnes bis aufs Kleinste kontrolliert. Doch gewisse Absonderlichkeiten am Verhalten ihres Kindes kann sie ihm auch mit ihrer herrischen Art nicht austreiben und nachdem Ed schließlich allein auf dem Hof zurückbleibt, lassen sich gewisse abnormale Triebe nicht mehr unterdrücken.

‚True‘ Crime – Wenn Realität zu Fiktion wird

Als einer der notorischsten Mörder der westlichen Geschichte ist Ed Gein die Inspiration für eine ganze Reihe an fiktiven Schauerfiguren. Dabei gilt er offiziell nicht mal als Serientäter: Verurteilt wurde er nur für zwei Morde, doch um als Serienmörder eingestuft zu werden, müssen es mindestens drei sein. Ein Großteil seiner nachgewiesenen Verbrechen bestanden aus Grabraub und Leichenschändung.

Dass Murphy und Brennan sich in „Monster: Die Geschichte von Ed Gein“ nur vage am historischen Stoff orientieren wird Kennern des tatsächlichen Falls sehr schnell klar: Zusätzliche Morde, Nekrophilie und sogar eine Verlobte werden allesamt Geins Geschichte angedichtet. Gleichzeitig werden narrative Parallelen zu sowohl fiktiven als auch realen Figuren gezogen, die er inspiriert haben soll – ein interessanter Ansatz, so als würde die Serie die Beziehung zwischen ‚echtem‘ und ‚unechtem‘ Horror unter die Lupe nehmen wollen. Doch eine handfeste Aussage wird dabei nicht getroffen.

Stattdessen wird gezeigt, wie andere Regisseure ihre Versionen von Geins Story nutzen, um gesellschaftliche Beobachtungen anzustellen, wie beispielsweise Alfred Hitchcocks „Psycho“ und Tobe Hoopers „Texas Chainsaw Massacre“ – zwei Filme, die das Horrorgenre als kritisches Medium neudefinierten und in Staffel 3 thematisiert werden. Murphy und Brennan scheinen hiermit auf einer Metaebene aussagen zu wollen, dass auch sie in diese Tradition fallen und ihre True Crime Serie trotz jeglicher Kritik einen Wert für den breiteren Diskurs über Kunst und Taboo hat. Aber was wird denn eigentlich auf der sozio-politischen Ebene behandelt?

Die eheste Antwort wäre die Behandlung von psychischen Störungen, aber auch das ist eher oberflächlich. In der ersten Hälfte gleicht die Darstellung von Geins mentalem Zustand einem typischen Horror-Gimmick, erst im Sinne einer unheimlichen Freak Show und schließlich als Plot-Twist-Mittel. Die Halluzinationen und die verzerrte Wahrnehmung, die wahrscheinlich beide auf eine später diagnostizierte Schizophrenie und auf seine abnormale Beziehung zur Mutter zurückzuführen sind, werden nicht mithilfe von Experten psychologisch realistisch repräsentiert, sondern dienen lediglich als narratives Werkzeug.

Später entscheiden sich Murphy und Brennan dann doch für eine ‚seriösere‘ Richtung, aber auch hier versagt die Handlung. Mithilfe von frei erfundenen Details will „Monster: Die Geschichte von Ed Gein“ so viel Empathie für Gein beim Publikum erzwingen wie nur möglich – zunächst indem sein isolierender psychischer Zustand durch melodramatische Szenen, in denen er ganze Gespräche halluziniert, als tragische Einsamkeit formuliert wird und anschließen, indem die Frage gestellt wird, ob Gein wohl seine Taten begangen hätte, wenn er nur früher medizinische Hilfe bekommen hätte; bei letzterem gehen die Macher mit ihrer These fälschlicher Weise davon aus, dass sowohl Geins Misogynie und Fetischisierung des weiblichen Körpers als auch seine Gewaltbereitschaft Symptome seiner Erkrankung waren. Beide dieser Aspekte sind ethisch fragwürdig, da dem Zuschauer mithilfe von kreativen Hirngespinsten ein Mann leidtun soll, dessen Taten reale Konsequenzen hatten.

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Die ‚respektvolle‘ Darstellung – Wenn Opfer sich nicht mehr wehren können

Auffallend ist außerdem der Unterschied zu Staffel 1, trotz der inhaltlichen Ähnlichkeiten. Obwohl Angehörige mehrerer Opfer von Jeffrey Dahmer ihre Missgunst gegenüber der Serie aussprachen, schienen sich Murphy und Brennan trotzdem Mühe zu geben, ihre Geschichte auf ‚respektvolle‘ Weise umzusetzen. Hierzu gehört unter anderem der narrative Fokus auf die Perspektive der Opfer – wie beispielsweise Folge 6 der ersten Staffel hervorragend zeigt –, keine Verwendung von filmischen Mitteln wie Musik oder fiktive Details, um Empathie für Dahmer zu generieren und die Vermeidung aus den Gewalttaten ein Spektakel zu machen – die verstörendsten Einzelheiten des Dahmer Falls werden meist nur angedeutet und nicht wie in einem Splatter Film vor die Kamera gezerrt. Auch wenn die Verfilmung der Vorkommnisse trotz der Proteste seitens der Angehörigen moralisch nur schwer vertretbar ist, hat sich das kreative Team hier eindeutig um etwas Sensibilität bemüht.

Staffel 3 kehrt unübersehbar von diesem Weg ab. Geins Opfer – die, anders als Dahmers, überwiegend weiblich sind – und die meisten ihrer engeren Angehörigen sind nun schon seit längerer Zeit verstorben. Sie unterscheiden sich im Wesentlichen nicht von den typischen Figuren, die Murphy auch in seiner „American Horror Story“-Reihe zur Schau stellt und ihre individuellen Perspektiven werden auch keineswegs so in den Fokus gestellt wie beim ersten Teil. Der Charakter von Adeline Watkins – Geins Freundin, basierend auf einer Frau, die behauptete tatsächlich romantisch mit ihm involviert gewesen zu sein, jedoch schnell als Lügnerin entlarvt wurde – ist beinah eine genaue Kopie von Emma Roberts‘ Rolle in „American Horror Story: Coven“, mit nur einer Handvoll kleineren Unterschieden. Auch an einer differenzierteren Auseinandersetzung mit dem Horror-Klischee der bösartigen Mutter ist der dritte Teil von „Monster“ nicht interessiert und belässt es lieber bei „die Alte ist eh an allem Schuld“.

Außerdem wird Spektakel bei Staffel 3 großgeschrieben: Nicht nur die realen Verbrechen, sondern auch die erfundenen werden dem Publikum, wie es sich für einen Genre-Schocker gehört, bis ins Kleinste unter die Nase gehalten. Von Fingerspitzengefühl und Mitgefühl ist hier nichts mehr übriggeblieben, der Stoff wird behandelt, als wäre er eh nur ausgedacht. Als Sahnehäubchen obendrauf inkludieren Murphy und Brennan sogar andere reale Massenmörder wie Jerry Brudos, Richard Speck und Ed Kemper – dabei beziehen sie sich in der Präsentation auf eine andere True Crime Serie: „Mindhunter“, ein kritisch weitaus erfolgreicheres Beispiel für die Fiktionalisierung von echten Verbrechen.

„Monster“ geht sogar so weit Gein zu etwas zu machen, was er in Realität nie war, dass er im Laufe der Handlung zur Festnahme von Ted Bundy beiträgt. Mit solchen Fantasien versuchen die Macher Parallelen zwischen dem wahren Ed Gein und den Figuren, die er inspirierte zu ziehen, doch leider fehlt diesem narrativen Aspekt jegliche Substanz, da es bei einem Fanservice-ähnlichem Verweis auf andere Werke bleibt, die in der Peripherie des True Crime existieren.

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Das Ganze endet in einem Konglomerat aus echten und ausgedachten Psychopathen, die sich um Ed Gein kreisen wie die Fliegen um einen Misthaufen und den Titelhelden von Staffel 3 in den Mörder-Olymp heben. Statt die Mythologisierung der historischen Figur zu hinterfragen, nimmt die Serie somit selbst daran teil und schafft ein Projekt, das in seiner Auseinandersetzung mit True Crime viel oberflächlicher ist, als es tut.

Die Qualität abseits moralischer Grauzonen – Kritik an Staffel 3

Nebst all den Unzulänglichkeiten, die bis jetzt angesprochen wurden, ist die Tatsache, dass die dritte Staffel von „Monster“ die Qualität der Serie als solche erheblich herabstuft, der letzte Dolchstoß. Zwischen „Dahmer“ und „Die Geschichte von Ed Gein“ liegen Welten, als hätte ein völlig anderes kreatives Team den neuesten Teil übernommen. Wo „Dahmer“ atmosphärisch bedrückend, im Narrativ nachvollziehbar und hervorragend inszeniert ist, kann Geins Geschichte auf keiner Ebene mithalten. Hunnam gibt sich zwar Mühe der Rolle die gleiche unheimliche Tiefe zu verleihen, wie Evan Peters es mit seiner schaffte, doch so wirklich gelingt ihm das nicht, wodurch Gein – nicht zuletzt dank dem skurrilen Akzent, den Hunnam ihm verleiht – in keiner Folge die gleiche düstere Präsenz hat, wie der Star von Staffel 1.

Zusätzlich ist der neue Teil tonal inkonsistent und wird dank der abstrakten Zeitsprünge und zahlreicher Handlungsstränge immer unübersichtlicher. Letztere nehmen zwischenzeitlich so viel Raum ein, dass der Zuschauer Gefahr läuft, gänzlich das Interesse an der Geschichte zu verlieren. Am Ende gleicht die dritte Staffel eher einem unappetitlichen Horror-Melodrama im Stil von Murphys anderen Projekten als einer eindrucksvollen und emotional ergreifenden Fallstudie eines wahren Verbrechens.

Fazit

„American Horror Story: Ed Gein“ – das kreative Team hinter der neuen Staffel von „Monster“ scheint auf alte Muster zurückzugreifen und versucht nicht einmal die Formel von „Dahmer“ zu wiederholen. Dann darf es sich aber auch nicht wundern, wenn der kritische Erfolg der ersten Staffel bei diesem neuesten Teil ausbleibt. Doch Abseits der Qualität bleibt die zentrale Frage rund um True Crime offen: Inwiefern wahre Tragödien zu Unterhaltungszwecken verwendet werden sollen.

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

(46/100)

„Monster: Die Geschichte von Ed Gein“, seit 3.10.2025 auf Netflix.

Ihr fandet die Serie toll und könnt mit der obigen Einschätzung gar nichts anfangen? Hier könnt ihr unsere PRO-Kritik von Christian Klosz lesen, der die Sache auch ganz anders sieht.

Bilder: Netflix (c)