Danny Boyle kehrt mit „28 Years Later“ als Regisseur zu der Horror-Franchise zurück, die mit seinem Film „28 Days Later“ das Zombie-Subgenre für ein Publikum nach dem Attentat von 9/11 neu aufarbeitete. Hierfür lässt er sich gemeinsam mit Drehbuchautor Alex Garland („Warfare“) wieder von einer Tragödie inspirieren: Dieser neueste Teil der Reihe geht mehr oder weniger subtil auf die noch immer recht aktuelle, globale COVID-Pandemie ein und stellt dabei die Frage, wie die Gesellschaft nachhaltig vom Ende der Welt verändert wird. Seit 19.6.2025 im Kino, ab 19.12. nun auch auf Netflix.
von Natascha Jurácsik
Der zwölfjährige Spike (Alfie Williams) lebt mit seinem stoischen Vater (Aaron Taylor-Johnson) und seiner kranken Mutter (Jodie Comer) in einer Kommune auf einer kleinen Insel nah an der Küste Großbritanniens, ein Land, das von dem sogenannten Rage-Virus zerstört und von der internationalen Gemeinschaft unter Quarantäne gestellt wurde. Nachdem er zum ersten Mal auf einen Erkundungstour jenseits des sicheren Dorfes mitgeht, wird ihm nach und nach klar, dass sich die Bewohner der Insel etwas zu sehr isolieren – und somit mögliche Hilfe durch ihrer Paranoia verwerfen. Um seine Mutter zu retten, wagt sich Spike weiter aufs Festland vor als eigentlich erlaubt und stellt sich sowohl realen Gefahren – wie den hochaggressiven Infizierten – als auch unangenehmen Wahrheiten.
„28 Years Later“: Eine Pandemie-Allegorie
Das Timing für Danny Boyles erneutes Interesse an dem Genre ist perfekt, denn dank der beunruhigenden Zustände der letzten Jahre scheint ein apokalyptisches Ende der Zivilisation wie wir sie kennen nicht mehr ganz so weithergeholt wie bisher geglaubt: Eine globale Pandemie mit zahlreichen Opfern und politische Unruhen, die häufig in der Stärkung rechtsradikaler Gruppen resultieren, gehören für ein heutiges Kinopublikum zum Alltag.
Boyle und Garland sind sich dessen bewusst und versuchen diese Thematiken in „28 Years Later“ zu adressieren. Als dritter Beitrag der „Later“-Reihe ist ihr gewähltes Setting clever gewählt, denn wo sich die ersten beiden Filme mit dem Chaos einer vor kurzem ausgebrochenen Epidemie des Rage-Virus auseinandersetzt, stellt dieses Projekt die Frage, wie die Welt wohl aussieht, nachdem sie sich an die neue Realität gewöhnen konnte.

Regression durch Isolation?
Dies resultiert in faszinierenden Elementen, welche die Geschichte greifbar machen: Spike gehört beispielsweise zu einer Generation, die sich gar nicht an eine Zeit vor dem Virus erinnern kann, was in komödiantischen und auch tragischen Momenten angesprochen wird. Boyle bemüht sich in „28 Years Later“ zusätzlich, das Verhalten der Überlebenden in Frage zu stellen, indem er verdeutlicht, dass ihre radikale Isolation, die sie vor den Infizierten schützen soll, gleichzeitig aber zu einer kulturellen Regression führt, die an längst vergangene Zeiten erinnert. Boyle unterbricht hierfür die Szenen immer wieder mit alten Aufnahmen, die verschiedene historische, meistens mittelalterliche Kriegsszenen zeigen.
Die Metaphern enden hier nicht: Die Infizierten haben sich in „28 Years Later“ seit ihrem letzten Auftritt ebenfalls verändert, wodurch nun die besonders Starken als ‚Alphas‘ bezeichnet werden, auf die der Virus, laut Film, wie Steroide wirkt. Zwar sorgt diese Gruppe für die spektakulärsten Gewaltszenen, die dank praktischer Effekte fantastisch aussehen, aber diese Kategorisierung ist gleichzeitig leider die am wenigsten kreative, die sich Boyle und Garland hätten ausdenken können. Hiermit zeigt sich ein gutes Beispiel für einen Großteil ihrer Entscheidungen bezüglich Story und Handlung: Die Allegorie geht über Originalität.
…und wieder ein Drehbuch-Problem!
Denn trotz interessanter Ansätze hat der Film ein eindeutig Drehbuch-Problem. Die Handlung von „28 Years Later“ ist narrativ schwach, die Dialoge sind an manchen Stellen unzumutbar, die Charaktere karikativ und die Geschichte ist zwar unterhaltsam, trifft allerdings auch keine allzu neuen Aussagen. Obendrein muss der Zuschauer so viele Logikfehler und unerklärliches Verhalten seitens der Figuren schlucken, dass das Projekt droht, den doch so wichtigen Realitätsbezug zu verlieren.
All das führt schlussendlich dazu, dass Boyle und Garland zwar offensichtlich eine breitere Aussage zur heutigen Gesellschaft machen wollen, diese allerdings in der Flut derber Metaphern untergeht. Die Macher hätten sich wohl besser an die geschickte Subtilität des Originals halten sollen, um ihre Vision besser umzusetzen.
„28 Years Later“ wurde auf dem iPhone gedreht, und das sieht man
Ebenfalls vergleichbar zum ersten Teil ist die Art des Drehs: „28 Days Later“ wirkt stilistisch beinah wie ein Found-Footage-Streifen, dank der Guerilla-artigen Umsetzung, die zur düsteren Atmosphäre und Orientierungslosigkeit der Handlung beiträgt. Einen ähnlichen Versuch gibt es beim neuesten Film, denn vieles wurde mit einem iPhone gedreht, was die hektische Kameraführung zugunsten einer gröberen Ästhetik gut umsetzt.

Allerdings ist die Qualität der Aufnahmen im Laufe der Spielzeit etwas inkonsistent und emuliert die dokumentarische Optik des ersten Beitrages nicht so gekonnt wie Fresnadillos „28 Weeks Later“. Stilistisch unterscheidet sich „28 Years Later“ vor allem dadurch, dass er verwirrend unbeständig wirkt, da einige Szenen weitaus mehr überarbeitet wirken als andere. Auch die Musik lässt einiges zu wünschen übrig, da der Indie-Soundtrack nicht so recht zum restlichen Ton passen will.
Fazit
Eine konfuse Version und Vision des Zombiegenres im Kontext der Covid-Pandemie: „28 Years Later“ punktet zwar mit einer interessanten Weitererzählung der Franchise und hervorragenden praktischen Effekten, kann allerdings den realistischen Horror der ersten beiden Teile nicht umsetzen. Boyle und Garland stecken viel zu viel Energie in die Metaphern und Allegorien der Geschichte, statt in den eigentlichen Film. Das Ergebnis ist ein Projekt, das auf allen Ebenen zwar unterhaltsam ist, aber letztendlich doch etwas zu konfus und unoriginell, um an die ersten beiden Beiträge heranzukommen. Der Film ist übrigens nur der Start einer neuen Trilogie: „28 Years Later: The Bone Temple“ erscheint bereits im Jänner 2026.
Bewertung
(64/100)
„28 Years Later“ – Filmdaten
| Filmtitel | 28 Years Later |
| Kinostart (D, Ö, CH) | 19.6.2025 / Netflix: 19.12.2025 |
| Laufzeit | 1h 55 min |
| Regie | Danny Boyle |
| Darsteller/-innen | Jodie Comer, Ralph Fiennes, Aaron Taylor-Johnson |
Bilder: (c) 2025 CTMG, Inc.

Ich wollt‘ ihn wirklich mögen, aber… es fällt schwer.
Es gibt gute Szenen, es gibt wirklich tolle Schauspieler (vor allem Alfie Williams und Ralph Fiennes)… aber im Großen und Ganzen? Eine verschenkte Chance mit Hang zum Lächerlichen. Die Anfangsszene wirkt wie eine schlechte Kopie von der Anfangsszene in „28 weeks later“.
Und es gibt auch kaum eine Szene, in der man so richtig mitfiebert. Die Evolution der Zombies ist mehr als fragwürdig – da gibt es die „Maden“ (ich nenne sie mal so) und die Alphas – und dann halt auch das Fußvolk. Außerdem gibt es auch schwangere Zombies. Ein bisschen erinnert es mich an das unsägliche Netflix-Zombie-Spektakel „Army of the Dead“.
Und „Teletubbies“ sind die neuen „Clockwork Orange“.