“Warfare” (englisch für Kriegsführung) ist der neue Film von “Civil War”-Regisseur Alex Garland, der sich dafür einmal mehr mit dem Studio A24 zusammengetan hat. Der minimalistische, Großteils in Echtzeit gedrehte Anti-Kriegsfilm nach wahren Begebenheiten ist seit 17.4. im Kino zu sehen. Unsere Filmanalyse zerlegt „Warfare“ in seine Einzelteile.

von Richard Potrykus

An einem Tag im Jahr 2006 besetzt ein Platoon Navy Seals ein Wohnhaus im irakischen Ramadi, um von dort aus die Gegend zu beobachten, alles Auffällige zu dokumentieren und an die Kameraden zu kommunizieren. Doch die eigentlich geheime Operation wird entdeckt und das Platoon angegriffen. Soweit zu den tatsächlichen Gegebenheiten, von denen „Warfare“ handelt.

Gerade einmal 95 Minuten Laufzeit hat der Film, der erzählt, wie die Einheit versucht, Verletzte zu evakuieren und die Gefahr zu bändigen. Vieles davon geschieht in Echtzeit. Momente schier unendlicher Stille ereilen ein abruptes Ende, wenn das nächste Feuer eröffnet wird, Munition unsichtbar durch die Luft saust und in Möbelstücke oder Gemäuer einschlägt, wenn wenige Zentimeter den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Selten sieht man weiter als bis zur nächsten Straßenecke. Es scheint, als hätte die Welt außerhalb des Gefechtsortes aufgehört zu existieren. Die Funkverbindung mit einem anderen Platoon und der Basis gleicht einer Verbindung mit einer helfenden Hand, die umgehend zur Stelle ist. Doch die gefühlte Nähe trügt auf kafkaeske Art und Weise. Je mehr Unterstützung geleistet wird, desto unauflöslicher scheint die Situation.

Dabei verzichtet der Film auf moralische Fronten. In “Warfare” gibt es keinen Feind. Wie schon in “Civil War” liefert Garland keine Exposition, die alles erklärt. Der Film verwendet eine Texttafel, die die nötigsten Informationen gibt; Ort, Datum und den Grund, weshalb das Platoon das Haus besetzen wird. Aufgrund der historischen Vorlage können die Ereignisse klar eingeordnet werden: Im Jahr 2003 starten die USA den Irakkrieg und besetzen in der Folge das Land. Abseits etwaiger Überlegungen, weshalb die USA ausgerechnet den über Ölquellen verfügenden Irak für sich beanspruchen wollen, steht in der allgemeinen Rezeption der Kampf gegen den islamistischen Terror der Al-Qaida im Vordergrund und bildet die Grundlage für das kollektive Gedächtnis in Bezug auf diese Zeit. Soweit, so vermeintlich eindeutig.

Doch “Warfare” ist kein politischer Film. Es gibt keine Ansprachen, keine Generäle, die von Missionen und Zielen sprechen, und keine Politiker, die sich für den nächsten Wahlkampf rüsten. Es gibt auch keine Moscheen, in denen Männer radikalisiert und gegen den Westen eingeschworen werden. Einzig das einmalige Ausrufen des Heiligen Krieges ist zu vernehmen – und dies deutet nur darauf hin, dass die Position des Platoons entdeckt wurde und ein Angriff bevorsteht. Die Soldaten stehen somit keinem Feind, wohl aber einem Gegner gegenüber. Wenn aber der Feind zu einem Gegner wird, wird die Erzählung abstrahiert – und das macht „Warfare“: Dieser spezielle Krieg kann durch jeden anderen Krieg ersetzt oder einfach als “Krieg, der (maskulin)” angesehen werden.

An dieser Stelle sei die Präzision erwähnt, mit der in “Warfare” gehandelt wird. Die technische Beratung war ganz offensichtlich perfekt. Die Bewegungen, die Art der Kommunikation, kodifizierte Begriffe, Zahlen, die für Orte stehen, Handzeichen, das Wiederholen von Zeitkorridoren, wenn diese auf ein fixes Ereignis hinweisen. Jeder Schritt der Soldaten erinnert an eine Choreografie, der menschliche Körper wird zum Instrument, welches über verschiedene Funktionen verfügt. Klare, eindeutige Strukturen, die einstudiert und anstandslos befolgt werden, ebenso die hierarchische Ordnung. Wer davon abweicht, begibt sich in Gefahr. Dies wird nicht zuletzt Ray Mendoza geschuldet sein, der als Co-Regisseur am Projekt beteiligt und ebenso Teil der im Film reinszenierten, realen Operation im Jahr 2006 war.

In “Warfare” gibt es kein Heldentum. Obercoole Alphatiere, wie sie in heroischen Hollywood-Produktionen zu finden sind, sucht man in “Warfare” vergebens. Einmal kurz kommt es im Film zu unsensiblen Handlungen und Momenten der Unachtsamkeit und Coolness, doch werden diese gleich im Keim erstickt. Es gehört zum schonungslosen Minimalismus des Films, dass derlei eben keinen Platz in der Erzählung findet. Dadurch bleibt “Warfare” authentisch und lässt nicht zuletzt die abstrakte und ehrliche Lesart zu. Die Inszenierung ist bei aller „Nüchternheit“ der Umsetzung atemberaubend eindrücklich. Garland, David J. Thompson (Kameramann), Fin Oates (Schnitt) und nicht zuletzt Glenn Freemantle (Sounddesign) ziehen alle Register, um den Film, der keiner klassischen Narration folgt, so nah wie nur möglich über die Leinwand hinaus direkt zum Publikum zu transportieren.

Ohne jedes Element des Films zerreden zu wollen, ist doch bemerkenswert, wie hier mit den Konventionen gebrochen wird. Immer wieder dringt “Warfare” in die subjektive Erlebniswelt einzelner Figuren ein, verschwimmt die Umgebung, bricht der Ton ab. Und wenn das Erlebte zu überwältigend ist, ergießen sich die Sinne in einer Kakophonie der Extreme. Der Soldat ist verloren in einem Raum, aus dem es kein Entrinnen gibt, während ein verletzter Kamerad schreiend auf dem Boden liegt, die Funksprüche vor sich hinplappern und Störgeräusche die übrigen Frequenzbereiche ausfüllen.

Die heilige Kuh der Bildgestaltung, der Achsensprung, den es laut Theorie zu vermeiden gilt, wird (um im Bild zu bleiben) gekonnt geschlachtet. Wenn das Platoon von mehreren Seiten aus angegriffen wird und die Soldaten sich im Raum neu orientieren müssen, wechselt die Kamera frei zwischen allen möglichen Perspektiven. Eine Orientierung ist für das zivile Kinopublikum nur schwer möglich. Es kann nur hoffen, dass die Figuren wissen, was zu tun ist.

Zu jeder Zeit befindet sich der Film im Jetzt, unfähig, sich aus einer Distanz mit den Gegebenheiten zu befassen. Größer angelegte Parallelmontagen gibt es keine, ebensowenig Panoramaeinstellungen, die ansonsten nur allzu gerne genommen werden, um dem Publikum einen Überblick zu verschaffen. In “Warfare” ist die Kamera außerordentlich nah an den Figuren – und mit ihr der bereits erwähnte Ton.

“Warfare” ist somit kein Film über Krieg oder die Nachstellung eines militärgeschichtlichen Ereignisses. In “Warfare” wird dem Publikum präsentiert, wie es ist, im Krieg zu sein. In Zeiten, in denen autoritäre, reaktionäre und rassistische Kräfte wieder auf dem Vormarsch sind, in Zeiten, in denen selbige Kräfte der Reihe nach in Parlamente und Präsidentenämter gehoben werden und es Menschen gibt, die auf Biegen und Brechen einen brutalen Angriffskrieg zu rechtfertigen suchen, bildet “Warfare” einen erschreckend anschaulichen Referenzpunkt für all jene, die mit ungebildeter Abgeklärtheit auf Krieg als “bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” blicken. Ob sie damit auf einer Wellenlänge mit Generalmajor von Clausewitz liegen, der dieses Zitat bereits 1832 prägte, sei dahingestellt.

Denn am Ende, wenn alle zivile Politik versagt hat und die Streitkräfte in Aktion getreten sind, gibt es keine Ideen und Ideale mehr, keine hehren Ziele, die am moralischen Horizont auf einen warten. Dann gibt es nur bewaffnete Gruppen, die einander gegenüberstehen oder sich umzingeln.

Als letztes Bild im Film wird erneut eine Texttafel eingeblendet, auf der einem Bataillon gedankt wird. Auch hier sucht man einen verklärenden Heroismus vergebens. Im Krieg sind sie aufeinander angewiesen. Und wer seinen Kameraden dankbar ist, dann, weil man überlebt hat.

Fazit

“Warfare” ist keine Dokumentation. Der Film basiert nicht auf Protokollen, sondern auf Erinnerungen. Wer jedoch einen Krieg überlebt, dessen Erinnerungen sind mehr wert als jedes Stück Papier, zeugen sie doch von dem, was die Person erlebt und was der Krieg aus ihr gemacht hat. Das Ganze ist technisch einwandfrei umgesetzte und trägt das Erlebnis, von dem er erzählt, schonungslos und nahezu distanzlos bis weit in den Kinosaal hinein. Nach “Civil War”, einem Film, in dem Alex Garland Zeitgeschichte weiterspinnt und von den Tragödien und Kuriositäten erzählt, die sich durch einen (Bürger-)Krieg ergeben können, richtet sich der Regisseur in “Warfare” dezidiert an jene Zuschauer, die sich noch immer fragen, welche Seite in “Civil War” Recht hatte.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(92/100)

„Warfare“ – sei 17.4.2025 im Kino.

Bilder: (c) Leonine