Ein US-amerikanischer Schauspieler in Tokio, zwischen Einsamkeit und Anonymität: Das erinnert zunächst an Sofia Coppolas „Lost in Translation“, Platz 3 unserer Besten Filme des 21. Jahrhunderts. Der am 8. Januar 2026 gestartete Film „Rental Family“ der japanischen Regisseurin Hikari erfüllt zwar die vorangestellten Eigenschaften – ist im Ergebnis aber grundverschieden. So erzählt die mit Brendan Fraser („The Whale“) besetzte Tragikomödie in erster Linie davon, wie universell unsere sozialen Bedürfnisse sind.
Kritik von Jonas Schilberg
In „Rental Family“ wird Brendan Fraser zum ausleihbaren Familienmitglied
Phillip (Brendan Fraser) lebt seit mehreren Jahren in Tokio. Eigentlich ist er Schauspieler, über Wasser hält er sich mit Gelegenheitsjobs, egal ob für Werbespots oder andere Aufträge. Und so wird er bei einer Beerdigung, für die er als „trauriger Amerikaner“ engagiert wurde und die eigentlich gar keine ist, auf Rental Family Inc. aufmerksam. Dabei handelt sich um eine real existierende Praxis, bei welcher gut situierte Japaner Familienmitglieder, die tatsächlich Schauspieler sind, „ausleihen“. Phillip wird angesprochen, ob er nicht als „Quotenweißer“ mitmachen wolle. Als stabilerer Beruf verlockend, willigt er ein.
Als „Mietfamilienmitglied“ wird Phillip kurzerhand zum Bruder, Ehemann, Vater oder Sohn. Doch zwei Aufträge entwickeln sich zu etwas immer Engerem: So spielt er den Vater für Mia (Shannon Mahina Gorman), deren Mutter denkt, dass ihre Tochter nur auf die anvisierte Privatschule kommt, wenn beide Eltern beim Bewerbungsgespräch sind. Und für Kikuo Hasegawa (Akira Emoto), einen an Demenz leidenden Schauspieler im hohen Alter, mimt Phillip den Journalisten. Er kommt dabei Mia und Kikuo immer näher, sodass die Grenze zwischen performativer und realer Nähe stetig verwischt wird.
Tragik, Komödie und Universalismus
Dabei ist es zunächst bemerkenswert, wie es Hikari gelingt, eine Balance zwischen dem Herzzerreißenden und Humorvollen zu finden. Verabschieden sich ähnliche Stoffe häufig mit Voranschreiten des Films von komischen Elementen, fallen „Rental Family“ konstant Pointen ein. Es ist nicht nur lustig, wenn Phillip und seine vermeintliche Tochter als Katzen geschminkt sind, auch die Antwort ihrer Mutter auf die Frage im Bewerbungsgespräch, was der wichtigste Wert sei – Ehrlichkeit! – ist insofern amüsant, als dass die gesamte Existenz Phillips auf ihrem Anlügen der eigenen Tochter beruht.
Ist diese Lüge „richtig“? Vielleicht sogar nötig? „Rental Family“ zeigt, dass sich der Mensch nach Empathie, Aufmerksamkeit, einem Gegenüber, das da ist, sehnt. Und dieses Verlangen ist universell: Heißt es anfangs noch kulturrelativistisch, Phillip könne als Amerikaner eben nie alles Japanische verstehen, entpuppt sich schließlich, wie sehr sich Menschen in ihrer Gesamtheit in diesem sozialen Bedürfnis doch gleichen. Phillip wird nicht nur von anderen zur Erfüllung jener Sehnsucht gebucht, er selbst flüchtet sich nachts in Clubs, sucht eine Prostituierte auf. Und ist ein soziales Wesen zulasten von Rationalität, wenn er etwa ein Jobangebot ausschlägt, weil er lieber weiter den Vater für Mia spielen möchte.

Existenz im Anderen: Beziehung als Zweck und Mittel
Vielleicht lässt es sich so beantworten: Manchmal ist Wahrhaftigkeit wichtiger als Authentizität, Illusion erfüllender als Realität. Wenn man fest daran glaubt, dass diese bestimmte umsorgende Person für einen da ist, es also wahrhaftig ist, dann mag es manchmal nachrangig sein, ob sie nur schauspielt, es also nicht authentisch ist. Dadurch gibt es zwar „kein richtiges Leben im Falschen“, aber befriedigt es den Einzelnen dennoch.
Phillip ist konsequenterweise nur Mittel zum Zweck. Und kann er, kann man, überhaupt noch ein eigenes Leben haben, oder beruht die Existenz allein auf der von Anderen? Hikari zeigt aber ebenfalls: Die Mutter, die Mia unbedingt auf jene Privatschule schicken will – sie sieht ihre Tochter im Grunde genauso als Objekt.
In einigen wenigen Szenen in „Rental Family“ filmt die Kamera das Fenster eines unbekannten Haushalts, zeigt das alltägliche Geschehen dort, ohne es zu kontextualisieren, und zoomt dann raus, sodass sich ein ganzer Häuserblock voller ähnlicher Szenen ergibt. In diesen Momenten entsteht ein Mosaik zwischenmenschlicher Beziehungen. Und so vielfältig, komplex und divers sie vordergründig erscheinen mögen, sind sie gleichzeitig doch von universeller Schlichtheit und Homogenität geprägt.
Fazit
Mit „Rental Family“ ist ein Werk entstanden, das nah geht und bewegt. Ein von warmer, verspielter Musik unterlegter Film, getragen durch überzeugendes Schauspiel und ein Drehbuch, das sich mit dem Was und Wie menschlicher Verbundenheit auseinandersetzt – dem universellen Streben nach Empathie, Aufmerksamkeit und Mitmenschen. Besonders interessant ist hierbei der in der Grundprämisse angelegte Aspekt, dass mitunter das Wahrhaftige über dem Authentischen steht.
Bewertung
(79/100)
„Rental Family“ – seit 8.1.2026 im Kino.
Bilder: (c) Searchlight Pictures
