Inspiration würden wohl die meisten Autorenfilmer als oberstes, wichtigstes Gut betrachten. Doch wie weit darf man für sie gehen? Und gibt es sowas überhaupt in völlig reiner Form? Pedro Almodóvars („Volver“, „Alles über meine Mutter“) neueste Tragikomödie „Bitteres Fest“ bietet eine interessante Auseinandersetzung mit diesen Fragen und dem Verhältnis von Realität, Fiktion und dem dazwischenstehenden Autor. Ab dem 30. Juli 2026 erscheint das Werk, das zumindest stellenweise überzeugt, im Kino.

Kritik von Jonas Schilberg

„Bitteres Fest“: Ein Film im Film

Mit einem Gewitter beginnt der Film. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Pedro Almodóvars „Bitteres Fest“ sowie Raúl Duráns (Leonardo Sbaraglia) Skript für einen gleichnamigen Film, der seine erfolgreiche Karriere nach mehreren weniger produktiven Jahren fortsetzen soll. Dieses Skript und die Arbeit an ihm verfolgen wir größtenteils. Dabei greift Raúl immer wieder auf Ereignisse seiner Vergangenheit oder derer ihm nahestehender Personen zurück, um diese in seine Handlung einzuweben – zum Missfallen seiner Mitmenschen.

2004 spielt Raúls Drehbuch. Elsa (Bárbara Lennie), Regisseurin von Werbespots, leidet psychisch und hat mit Panikattacken zu kämpfen, die sie mit immer mehr Arbeit zu ertränken versucht. Vor einem Jahr hat sie ihre Mutter verloren, ohne sich von ihr verabschieden zu können; dafür lernte sie an ebenjenem Tag Bonifacio besser kennen, ein Stripper und inzwischen ihr Lebenspartner. Schließlich beginnt sie auf einer Auszeit auf Lanzarote ein Skript für einen Spielfilm, der das innere und äußere Chaos bändigen soll.

Verarbeitet der Regisseur hier seine eigenen Zweifel?

Raúl, der Regisseur, dessen Geschöpf Elsa ist, ähnelt wohl nicht grundlos Pedro Almodóvar (dessen Geschöpf wiederum Raúl ist). Raúls Tippen in die Tasten wird sowohl im Vor- als auch Abspann mit dem Namen des Regisseurs und Drehbuchautors überlagert. Offenkundig hat er sich also mit einer Thematik auseinandergesetzt, die ihn selbst beschäftigt, in seiner immerhin fast 50-jährigen Karriere: Der Frage, ob man auf das Reale zurückgreifen darf, gar muss, wenn man das Fiktionale kreiert.

Ob es eine „originäre Inspiration“, also eine solche, die völlig frei von persönlichen Erfahrungen oder Erfahrungen nahestehender Personen ist, überhaupt gibt, wird hierbei grundsätzlich angezweifelt. So schreibt Elsa dann über den Tod, wenn sie damit den ihrer Mutter verarbeiten will. Und Raúl lässt Elsa dies ebenfalls schreiben, weil er nicht über den Tod seiner Mutter hinwegkommt, so zeigt uns der Film. Die künstlerische Schöpfungskraft, die so gern als völlig frei gezeichnet wird – wie Raúl selbst behauptet –, sie verkommt hier zum Sklaven individueller Erfahrungen und Spannungen.

Es ist beachtlich, in welches Licht „Bitteres Fest“ den Künstler und Autor rückt. Als Egomane wird er inszeniert, der sich um nichts schert als seinen Stolz, der seine eigenen Abgründe und inneren Qualen mit seinem Werk ultimativ verdrängt und sich letztlich reinwäscht. Nicht nur das: Raúls Lektorin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) bringt es auf den Punkt, wenn sie ihm vorwirft, er würde seine Mitmenschen „aussaugen“, indem er ihre realen Leiden in seinem Drehbuch ungefragt zitiere.

bitteres fessst

Pure Originalität als Illusion

Der Künstler, der Filmemacher also als Vampir, der seine Umwelt aussaugen muss, um produktiv sein zu können. Diese in „Bitteres Fest“ aufgestellte These hat durchaus einen Reiz, lässt sie doch Assoziationen mit Debatten um Künstliche Intelligenz aufkommen. Auch hier „saugen“ die Computersysteme menschliches Wissen und menschliche Kultur in Form von Trainingsdaten auf, um selbst existieren und funktionieren zu können.

Anregend wird die Auseinandersetzung dadurch, dass kreative Autorenfilmer nicht selten als der Gegenpol schlechthin zu ebenjenen LLMs ins Feld gerückt werden – nicht zuletzt von ihnen selbst, siehe Guillermo del Toro. Almodóvars Film erwidert nun implizit das Gegenteil: Auch der Künstler schöpft nur durch Kombination von ihm Bekanntem.

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Ärgerlich ist, dass diese in „Bitteres Fest“ mitschwingende Debatte um Originalität lange auf sich warten lässt, bis sie sich wirklich entfaltet. Und selbst dann darf sie es nur eingeschränkt, gepresst, mit kaum Luft zum Atmen. Dabei ist es ausdrücklich nicht Almodóvars Problem, dass er zu viel anderes zu erzählen hat. Insbesondere die Drehbuch-immanenten Szenen schleppen sich teilweise. Entwickelt werden zudem eine Fülle von Figuren, die schlussendlich vor allem dafür sorgen, dass die meisten von ihnen egal werden.

Dass ausgerechnet die schönste Szene des ganzen Films – eine berührende Gesangsszene – explizit keine ist, die uns mit Erlebnissen des Regisseurs oder seiner Mitmenschen erklärt wird, ist herrlich ironisch. Und da gibt es sie dann vielleicht doch, die ursprungslose Inspiration.

Fazit

Almodóvar, der sich regelmäßig mit dem Filmemachen an sich auseinandersetzt, hat mit „Bitteres Fest“ ein Werk vorgelegt, welches radikal infrage stellt, ob es eine unbelastete Originalität gibt. Wenn sich hier Filme als bloße Summe der Erfahrungen des Autors und seiner Umgebung entpuppen, entzaubert sich der Regisseur mitsamt seinem Œuvre ein Stückweit selbst. Wie schade nur, dass er zuvor fast anderthalb Stunden lang mit selbstreferenzieller Arthouse-Formelhaftigkeit aufwartete.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(64/100)

„Bitteres Fest“: Ab 30.7.2026 im Kino.

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„Bitteres Fest“ – Trailer

Bilder: © El Deseo. Photo by Iglesias Más