„Der Meister und Margarita“ ist der bekannteste Roman des Autor Michail Bulgakow und gilt heute für viele als bedeutendstes russisches Werk des 20. Jahrhunderts. Lange Jahre galt es als unverfilmbar, nun nahm sich der russisch-amerikanische Regisseur Michael Lockschin des Stoffes an. Und machte seinen Film auch zur subversiven Kritik an Putins autoritärem Russland.
von Christian Klosz
Im kommunistischen Moskau der 1930er landet ein Schriftsteller, der sich fortan nur noch „Meister“ (Jewgeni Zyganow) nennt, in einem Irrenhaus, nachdem seine Werke von der sowjetischen Zensur verboten werden. Einem Mitgefangenen erzählt er seine Lebensgeschichte des vergangenen Jahres, die vom Zusammentreffen mit der verheirateten Margarita (Julija Snigir) geprägt ist, die seine Geliebte und Muse wurde und ihn dazu inspirierte, seine Erfahrungen in einem Roman festzuhalten.
Die zentrale Figur dieses Buches, an dem der Meister immer noch arbeitet, ist Woland (August Diehl), eine Personifikation des Teufels, die Rache im Umfeld des Meisters an jenen übt, die seine Karriere behinderten und sein Leben erschwerten. Schließlich inkludiert der Autor auch sich selbst und seine Geliebte in die Handlung, Immer weiter verschmelzen Fiktion und Realität und das Buch wird zugleich zur Anklage, Abrechnung und zum Vermächtnis des Meisters.
Bulgakow selbst hatte – wie sein Protagonist – Probleme mit der sowjetischen Zensur und sein Buch erschien erst viele Jahre nach seinem Tod und in gekürzter Form, da es eine satirische Anklage an des damalige Regime darstellte, die fehlenden Passagen wurden „unter der Hand“ weitergegeben, bis „Der Meister und Margarita“ in den 1970ern erstmals in Vollversion erschien. Die Parallelen des Kampfes gegen Zensur, ideologische Indoktrination und autoritäre Zustände zur russischen Gegenwart sind augenscheinlich und führten beinahe zum selben Ergebnis: Regisseur Michael Lockschin, der in den USA lebt, drehte seinen Film bereits 2021, er ist die bisher teuerste russische Produktion. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 wurde die Veröffentlichung nach hinten verschoben, 2024 kam das Werk dann doch in die russischen Kinos. Und wurde dort einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, obwohl sich Lockschin klar gegen den Ukraine-Krieg positioniert hatte und sich sich sein Werk eindeutig als Regimekritik lesen lässt. Wenig verwunderlich forderten nationalistische Akteure und Putin-Freunde ein Verbot des Films. Da hatte sich die Sache aber schon über Mundpropaganda ausgebreitet. Und die Behörden hatten wohl auch Sorge, eine Adaption des Hauptwerks einer der literarischen Ikonen des Landes zu verbieten. Und so durfte „Der Meister und Margarite“ weiterlaufen.
Das ist ein Glücksfall, den russische Kritiker bereits als „besten Blockbuster des post-sowjetischen Films“ feiern. Das 2,5-stündige Epos glänzt durch seine stilistisch hochstehende Umsetzung, die Schauspielleistungen und seine komplexe, vielschichtige Handlung. Wer die Vorlage nicht kennt, wird mitunter Mühe haben, dem verworrenen Plot mit all seinen Doppelungen, gegenseitigen Bezugspunkten und Meta-Ebenen zu folgen. Im besten Fall ist das aber Ansporn, sich auch mit der literarischen Vorlage auseinanderzusetzen. Insgesamt ist „Der Meister und Margarita“ eine filmische Wohltat, die Anspruch, Tiefe, Aktualität, visuelle Kraft mit Mainstream-Appeal verbindet. Und so tatsächlich als der wohl wichtigste russischen Film der Gegenwart gelten kann, auch weil er sich dieser düsteren russischen Gegenwart nicht fügt.
Bewertung
(90/100)
„Der Meister und Margarita“ – seit 1.5. im Kino.
Bild: (c) Capelight Pictures
