Der russische Exil-Regisseur Kirill Serebrennikow behandelt in seinem neuen Film “Das Verschwinden des Josef Mengele” eines der zahlreichen dunklen Kapitel der NS-Zeit. Der Film, weitgehend in Schwarz-Weiß gehalten, hat aber auch aktuelle Implikationen. August Diehl spielt darin den Nazi-Arzt Josef Mengele, der jahrelang in Lateinamerika untertauchte. Seit 23.10.2025 in Deutschland im Kino, seit 31.10. in Österreich.

Kritik von Richard Potrykus

Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: “Ich bin der Faschismus.” So heißt es in dem berühmten Zitat des italienischen Schriftstellers Ignazio Silone. Der Ausspruch verweist darauf, dass sich der Faschismus tarnen kann. Die Unmenschlichkeiten, die mit Faschismus einhergehen, werden nicht so klar artikuliert und die Zeichen nicht überdeutlich präsentiert. Wenn aber der Faschismus wiederkehren kann, so bedeutet dies, dass er nie wirklich weg war, sondern schlicht woanders. Noch immer aktiv in den Köpfen, noch immer auf ein Feindbild ausgerichtet, nur halt nicht vor Ort.

„Ich bin der Faschismus“

Kirill Serebrennikows neuer Film “Das Verschwinden des Josef Mengele” behandelt genau das Phänomen, welches dazu führen kann (und führt), dass der Faschismus wieder an die Türen klopft. In Zeitschnipseln wechselt der Film zwischen den 1950er und 1970er Jahren und zeigt Stationen aus dem Leben des nationalsozialistischen Kriegsverbrechers Dr. Josef Mengele (August Diehl) nach 1945, der vor allem dadurch schreckliche Berühmtheit erlangte, als Lagerarzt des Konzentrationslagers Auschwitz Experimente an Menschen durchgeführt zu haben.

Zu sehen ist Mengele, wie er falsche Identitäten annimmt und immerfort den Standort wechseln muss. Es gibt einen Besuch in der Heimat in Günzburg, die Hochzeit mit seiner zweiten Ehefrau Martha. In den 1970ern erhält er Besuch von seinem Sohn Rolf (Maximilian Meyer-Bretschneider), der im Geiste der 68er-Bewegung die Taten der Elterngeneration hinterfragt und dadurch in einen ernsten Streit mit dem Vater gerät.

“Das Verschwinden des Josef Mengele” ist eine Romanverfilmung und basiert auf dem gleichnamigen Buch von Olivier Guez. In den historischen Einzelheiten einwandfrei recherchiert, sind die Äußerungen und emotionalen Regungen Mengeles freilich fiktional, erscheinen aber nicht unwahrscheinlich. Mengeles Flucht, die sich über Jahrzehnte streckte, forderte zwangsläufig immer wieder Momente absoluter Einsamkeit. Momente, in denen der Mann mit sich allein war und in denen ihm nichts anderes blieb, als nachzudenken. Dabei konnte sich leicht eine Paranoia entwickeln. Hier setzen Roman und Film an.

„Das Verschwinden des Josef Mengele“: Die Geschichte eines Selbstbetrugs

Serebrennikow inszeniert Mengele als eine rastlose Person, die vor allem von ihrer eigenen Vergangenheit verfolgt wird und die das, was er getan hat, auf Gedeih und Verderb zu rechtfertigen sucht. Dass die Gespräche und Monologe für Film und Roman erfunden wurden, spielt keine Rolle. Angesichts moderner Denk- und Sprechmuster erscheinen die Äußerungen Mengeles nicht weniger glaubhaft. Mit dem Mantra, er habe nur Befehle befolgt, sprechen ihm Getreue Mut zu und er selbst nennt eine Reihe von Namen anderer Mediziner und beschreibt deren Experimente, gegen die seine Taten angeblich kaum erwähnenswert erscheinen.

Im Angesicht von Krankheiten, die sich ausbreiteten und aufgrund derer er seine Experimente durchführte, sieht sich Mengele zudem als ein Wohltäter und nicht als ein Verbrecher. Dass es sich bei seiner Disziplin um die Eugenik handelte, die sich derart weit hinter einer roten Linie befindet, dass eine Relativierung nicht länger möglich ist, blendet der Arzt aus.

Es ist ein Gemisch aus Verblendung und Verdrängung, welches Mengeles Äußerungen bestimmt. Immer wieder präsent, das fortschrittliche Handeln der Führung während des Dritten Reiches. Ganz nebenbei werden vermeintlich moderne Errungenschaften wie Nichtraucherabteile, Anti-Raucherkampagnen und der Kampf gegen Krebs unter dem Begriff der Volksgesundheit zusammengefasst und als nationalsozialistische Errungenschaften gefeiert.

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„Fun Facts“ aus der Nazi-Zeit

„Das Verschwinden des Josef Mengele“ glänzt durch derartige Nennung von Dingen und Personen. Ohne dabei albern oder überdrüber zu wirken, ist der Film eine Ansammlung dessen, was man als Fun Facts bezeichnen könnte. Da werden bekannte und weniger prominente Personen genannt, Zeitgenossen der Figuren im Film, die wie sie den Krieg überlebt und sich der Entnazifizierung entzogen hatten, teils durch Flucht nach Südamerika, teils in Deutschland bleibend. Da wird Hans Globke erwähnt. Er war Mitverfasser der Nürnberger Rassengesetze und wurde nach 1945 als “unbelastet” in das neue Deutschland entlassen, wo er als enger Vertrauter von Kanzler Adenauer einiges aus dem Hintergrund heraus lenkte.

Selbstverständlich wird auch Adolf Eichmann erwähnt und der kuriose Umstand präsentiert, dass während Eichmann aktiv gesucht und schließlich vom Mossad nach Israel gebracht wird, gegen Mengele anfangs nicht einmal ein Haftbefehl vorliegt.

Zu Beginn ist Mengele noch von anderen Freunden aus dem Dritten Reich umgeben, man ehrt Hitler, zitiert ihn im Zusammenhang mit einer “natürlichen Ordnung”, präsentiert das Hakenkreuz und glaubt fest daran, dass die Deutschen für die Demokratie nicht gemacht sind. Genauso, wie der Faschismus wiederkehren wird, glauben diese Männer fest an eine Wiederkehr des Deutschen Reiches.

Das ungewisse Grau der Vergangenheit

“Das Verschwinden des Josef Mengele” wird konsequent in Schwarz-Weiß erzählt. Alle Gespräche, alle Taten, alles, was Handlung ist, wird so präsentiert. Der Film befindet sich im leicht ungewissen Grau der Vergangenheit. Und das ist durchaus zutreffend, immerhin zeichnet der Film ein Psychogramm Mengeles und weniger einen biografischen Reisebericht.

Anders dagegen die wenigen, aber immens eindrücklichen und zudem grausamen Momente, die in Farbe gezeigt werden. Eine andere Kadrierung des Bildes, das Format einer 16mm-Handkamera. Hier wird die gute alte Zeit vor 1945 gezeigt, als alles so war, wie es sein sollte. Man befindet sich in den Gedanken Mengeles und blickt auf ihn, wie er im Vernichtungslager unter dem Zeichen der Wissenschaft, Menschen erniedrigt, foltert, untersucht.

“Die Abstammung ist wichtig“, sagt Mengele im Gespräch mit seinem Sohn und zeigt, dass seine abwehrenden Aussagen, nach denen er selbst ja gar nicht so schlimm wäre, nichts als Selbstbetrug bedeuten und eine Rechtfertigung vorschieben. Der Faschismus wird wiederkehren und er wird nicht sagen: “Abstammung ist wichtig.” Stattdessen wird er von Passdeutschen sprechen und den Verlust von Volksteilen imaginieren.

Das Echo des Dr. Mabuse

Am Ende des Films wird nicht nur Hitler tot sein. Auch Mengele wird sterben, und wenn auch nicht bewusst, wird “Das Verschwinden des Josef Mengele” an die “Mabuse”-Filme von Fritz Lang erinnern, in denen es um ein kriminelles Genie namens Dr. Mabuse geht. In “Das Testament des Dr. Mabuse”, einem Film von 1933 stirbt der Verbrecher und hinterlässt ein Buch, in dem er noch viele seiner Pläne niedergeschrieben hatte. Dieses Buch wird andere Menschen infizieren und selbst zu Verbrechen motivieren.

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In “Die 1000 Augen des Dr. Mabuse” von 1960, ebenfalls von Lang inszeniert, geschehen erneut spektakuläre Verbrechen und das, obwohl weder Mabuse noch das Buch existieren. Lang hatte diese Filme absichtlich so angelegt, dass sie als Allegorien auf den Nationalsozialismus gelesen werden können. Auch Lang wusste, dass Ideen und Körper zwei unterschiedliche Dinge sind.

Fazit

“Das Verschwinden des Josef Mengele” ist ein unangenehmer und wichtiger Film. Er erzählt den Weg eines Menschen, der in der Unwichtigkeit verschwindet und doch präsent bleibt. Man kennt den Namen, man kennt seine Taten. Der fiktive Blick in seinen Kopf ist erschreckend angesichts der Dinge, die heute wieder/noch geschehen. Eine Abschiebung bei Nacht heute ist von einer Deportation damals kaum zu unterscheiden, ein Führerkult unter einem Despoten ist und bleibt ein ebensolcher. Gefühle mit Argumenten zu bekämpfen ist eine nahezu unerfüllbare Aufgabe, denn jene, die keine Argumente haben, sind um Ausreden nicht verlegen.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

Seit 23.10.2025 in den deutschen Kinos, seit 31.10 in den österreichischen.


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Bilder: (c) Lupa Film, CG Cinema, Hype Studios / Panda Filmverleih