Schon lange, bevor der Clip im Internet viral ging, wäre die Geschichte einen eigenen Film wert gewesen: Darin zu sehen ist ein Fernsehstudio in den 80er Jahren, aufgenommen wurde dort die Sendung „That’s Life!“. Im Publikum ein älterer Herr: Sir Nicholas Winton, damals den meisten vor allem als Nicky bekannt. Das Besondere im Clip ist zunächst nicht erkennbar – der AHA-Moment kommt erst, als die Moderatorin der Sendung dem Publikum eine entscheidende Frage stellt: „Wer der Anwesenden verdankt Nicholas Winton sein Leben?“ Auf einmal erheben sich fast sämtliche Zuschauer und Zuschauerinnen. Sie alle verdanken Nicholas Winton ihr Leben und sie alle haben eines gemeinsam: Sie mussten während des zweiten Weltkriegs nach Großbritannien fliehen. Damals waren sie noch Kinder. Kinder, deren Leben Nicholas Winton um jeden Preis retten wollte, 669 Mal ist es ihm gelungen. Das soll gewürdigt werden, in der TV-Sendung, mit einem Ritterschlag durch Queen Elizabeth II., Orden und nun mit dem Kinofilm „One Life“ mit Sir Anthony Hopkins in der Hauptrolle.

von Lena Wasserburger

Es gehe hier nicht um ihn, das betont Nicholas Winton mehrmals, Jahrzehnte nach dem Krieg, als er seine Aufzeichnungen von damals durchstöbert und die Erinnerungen, die er nie loslassen konnte, ihn wieder einholen. Es ist das Jahr 1988. Winton, nun in seinen späten 70ern, führt mit seiner Frau ein ruhiges Leben in dem englischen Städtchen Maidenhead. In seinem Haus stapelt sich Gesammeltes, Gefundenes und lange Verdrängtes. Doch damit möchte Nicholas nun aufräumen – die Menschen sollen erfahren, was sich vor so vielen Jahren zugetragen hat. Währenddessen plagt Nicky die immer selbe Frage: Was ist nur aus ihnen geworden? Wie geht es den Kindern, denen er vor so langer Zeit zur Flucht vor den Nazis verhalf?

Im London des Jahres 1938 macht sich Nicky, damals ein junger Börsenmakler, für seine Reise nach Prag bereit. Er will dort Flüchtlingen helfen, während sich die Lage in Europa immer mehr zuspitzt. Was ursprünglich eine Woche in Prag werden sollte, entwickelt sich jedoch zu einer außergewöhnlichen Rettungsmission. Zusammen mit einem Team anderer Helfer und Helferinnen stellt Nicky einen Plan auf die Beine, um so viele Kinder wie möglich zu evakuieren, bevor die Nazis einmarschieren und jede Hilfe womöglich zu spät kommt.

„One Life“ wird in zwei Timelines erzählt. Auf der einen Seite steht der in die Jahre gekommene Mr. Winton, dessen Vergangenheit ihn nicht loslässt, und auf der anderen Seite der junge Nicky, der in einer der dunkelsten Stunden der Welt über sich hinaus wächst, um das Unmögliche zu schaffen. Nicholas Winton starb 2015 im Alter von 106 Jahren, daher ist ungewiss, wie er, als eine Person, die es bevorzugte, das Rampenlicht zu meiden, seinen Film wohl bewerten würde. Aber es sind eben solche Geschichten wie jene von Nicholas Winton, die die Welt gerade gut brauchen kann.

Reale Begebenheiten zu verfilmen dient nicht nur dazu, schon Dagewesenes noch einmal aufzuwärmen, sondern gerade in diesem Fall, um zu demonstrieren, dass die Vergangenheit niemals nur die Vergangenheit ist, sondern auch unsere Gegenwart. Die Kinder, die mit Wintons Hilfe einst aus der Tschechoslowakei fliehen konnten, sind nicht die einzigen, die Winton ihr Leben verdanken. Denn dasselbe gilt für die Nachkommen dieser Kinder, schätzungsweise 6000 Personen, von denen einige niemals existiert hätten, hätte Nicholas Winton 1938 eine andere Entscheidung getroffen. „One Life“ trägt in dieser Hinsicht natürlich stark auf. Wer zum Ende des Films jedoch noch keine Träne aus dem Augenwinkel wischen musste, der ist sicherlich eine der wenigen Ausnahmen.

Es mag kurios klingen, einen Film wie „One Life“ als „Feel-Good-Film“ zu beschreiben, bedenke man, wie viel Leid er thematisiert, und doch: Man kommt nicht umhin, sich von der Darstellung dieses Mannes, wie akkurat sie letztendlich auch sein mag, inspiriert zu fühlen. Dies gelingt vor allem in den ruhigen Momenten. Die zwei Timelines werden in sehr unterschiedlichem Tempo erzählt. Während die Szenen, die in der Vergangenheit spielen, von Dynamik und Unruhe gekennzeichnet sind, ist die andere Hälfte ruhig, langsam und ja: fast etwas blass. Es ergibt sich ein Kontrast, der am Ende aufgelöst wird, als die beiden Welten und Geschichten eins miteinander werden und sich Nicholas Winton im Fernsehpublikum von „That’s Life“ wiederfindet, wo all die Fragen, die ihn so lange geplagt haben, endlich mit einer Antwort belohnt werden.

Anthony Hopkins‘ Performance in „One Life” ist ergreifend und demonstriert das ohnehin unumstrittene Talent eines Schauspielers, der heutzutage nichts mehr beweisen muss und es dennoch tut. Eine Erwähnung wert sind in dieser Hinsicht ebenso die Auftritte von Helena Bonham Carter, Jonathan Pryce und Johnny Flynn.

Lob beiseite muss dennoch erwähnt werden, dass „One Life“ sich weder durch seinen narrativen noch durch seinen visuellen Stil besonders von der Menge an Filmen, die ähnliche Geschichten verschiedener Heldentaten zur Zeit des zweiten Weltkriegs behandeln, abhebt. Das bedeutet keinesfalls, dass „One Life“ dieses Genre nicht sehr effektiv erweitert, sondern lediglich, dass der Film nicht unbedingt über ein hervorstechendes stilistisches Merkmal verfügt, dass ihn hervorheben würde.

Fazit

Um es mit den Worten von Sir Nicholas Winton selbst zu sagen: „Gib dich in deinem Leben nicht damit zufrieden, nichts Falsches zu tun, sondern sei jeden Tag bereit, zu versuchen, etwas Gutes zu tun.“ Eine wichtige Message, ein schöner Film.

Wertung

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

Seit 28.3. im Kino.

Bild: (c) SquareOne Entertainment