Von „Parasite“ bis „No Other Choice“ bietet das südkoreanische Kino eine breite Vielfalt an Filmen, die sich dezidiert mit Klassenkonflikten auseinandersetzen. Mit „Possible Love“ hat jenes Themenfeld ein weiteres, ganz anders gestaltetes Drama hinzugewonnen. Lee Chang-dongs („Burning“) fast dreistündiges Werk, das in Venedig als erster koreanischer Film den Großen Preis der Jury gewann und für Südkorea ins Oscar-Rennen geht, ist ab dem 22. Oktober 2026 in einigen Kinos zu sehen. Am 6. November erscheint es auf Netflix. Man sollte sich den Film nicht entgehen lassen.
Filmkritik von Jonas Schilberg
In „Possible Love“ begegnen sich oben und unten
Ye-ji (Cho Yeo-jeong), aufstrebende Dokumentarfilmerin und verheiratet mit dem wohlhabenden Sang-woo (Zo In-sung), möchte einen Film über „die Arbeiterfrage“ machen. Konkret hat sie dabei den verlorenen Arbeitskampf bei SP Heavy Industries im Fokus: Dutzende Arbeiter demonstrierten damals vergeblich gegen ihre Entlassung; es endete gewaltsam. Angelehnt ist dies an den realen Fall einer 77-tägigen Werksbesetzung bei Ssangyong Motor 2009.
So lernt sie bei der Beerdigung eines einstigen Angestellten, der sich das Leben nahm, die Fabrikarbeiterin Mi-ok (Jeon Do-yeon) und ihren Ehemann Ho-seok (Sul Kyung-gu) kennen. Er war damals am Streik beteiligt, gehört zu den Entlassenen. Bis heute verweigert er sich der Gruppentherapie, obwohl er merklich Schaden durch den Jobverlust genommen hat. Die sehr ungleichen Ehepaare – die gut situierten Ye-ji und Sang-woo sowie die klassischen Arbeiter Mi-ok und Ho-seok – kommen sich immer näher, da Ye-ji sie unbedingt für ihren Film gewinnen will. Doch spätestens bei einem gemeinsamen Kurzurlaub offenbaren sich existenzielle Konflikte.
Noch vor der Einblendung des Filmtitels sehen wir eine leere Chipstüte im Wind. Cheol, der Sohn von Mi-ok und Ho-seok, hat sie aus dem Autofenster geworfen. Wie sie sich im Spiel der Naturkräfte windet, dreht und über den Boden gleitet, ist sie doch vor allem eines: ausgeliefert. Damit scheint sie als Metapher für die in „Possible Love“ skizzierten Arbeiter zu stehen. Ihre Machtlosigkeit als Lohnabhängige erfuhren die Angestellten von SP Heavy Industries qualvoll durch die Massenentlassungen einerseits und gewaltsame Niederschlagung ihres Protests andererseits. „Entlassung ist Mord!“, stand dereinst auf ihren Transparenten. Der erwähnte Suizid gibt ihnen auf bittere Weise recht.
Was ist Klasse, was Distinktion?
Lee Chang-dong besitzt beeindruckendes Gespür, den strukturellen Konflikt zwischen oben und unten, Lohnabhängigen und Lohnzahlenden, zu veranschaulichen. In einer der ersten Szenen, in denen wir Mi-ok – grandios verkörpert durch Jeon Do-yeon – begegnen, fordert ihr Chef sie auf, Müll wegzubringen, obwohl sie eigentlich mit Ye-ji verabredet ist und gehen will. „Legen Sie los! Wer soll’s denn sonst machen? Ich etwa?“, lacht er der Frau in Jeans und legerem Pullover entgegen.
Klasse zeigt sich nicht nur am Kontostand. Pierre Bourdieu hat einst gezeigt, wie tief sich Klasse in den Habitus einschreibt, bis in den vermeintlich ganz persönlichen Geschmack. „Possible Love“ stellt das in detailreichen, weiträumigen Bildern beiläufig aus: ob über Kleidung, Essverhalten oder Statussymbole. Wenn sich Sang-woos Porsche sinnbildlich vor Ho-seoks Kompaktklasse-Wagen (ausgerechnet ein Ssangyong) reiht, fahren sie zwar in denselben gemeinsamen Kurzurlaub. Gleich sind sie dennoch nicht.
Wie unverhohlen sich beide Klassen als Blöcke gegenüberstehen, wird immer wieder deutlich, oft unwillkürlich, wenn Mi-ok in Sang-woo etwa eine Ähnlichkeit zu Steve Jobs sieht. Sang-woo ist verblüfft, ungläubig. Doch aus Mi-oks Perspektive sind beide gleich, beide das andere, beide die obere Klasse. Und andererseits sind für Ho-seok seine Kollegen seine „Brüder“. Bemerkenswerterweise wird das Duzen zwischen beiden Ehepaaren zwar früh angeboten, durchgezogen jedoch keineswegs, obwohl eigentlich eine lockere Atmosphäre herrscht. Es ist Nähe zwischen ihnen, aber es ist distanzierte Nähe.
Momente jenseits von Klasse
Gibt es denn überhaupt Momente, die frei von der eigenen Klassengebundenheit sind? Mi-ok schwärmt von ihnen immer wieder. Beiläufig, beschwipst. Als sie Ho-seok als Mittelschülerin kennenlernte. Einfach auf einer Farm, die angeblich leer stand, war sie mit zwei Freundinnen. Und da waren dann auch noch drei Jungen. Einer von ihnen er. „Die Welt schien plötzlich eine andere zu sein“, beschreibt es Mi-ok. Freiheit.
Visuell spiegelt sich das: Der durchgehende Realismus wird zwar nicht aufgegeben, aber das Bild wird freier, man sieht Natur, sie, hört Klaviertöne. Die Liebe: Sie scheint all die existenziellen Konflikte vergessen zu lassen, zumindest für einen Augenblick. Und sie ist mitunter jenseits der Klassenzugehörigkeit „possible“ – Ye-ji stammt aus einer ganz normalen Familie, Sang-woo konnte sie trotzdem heiraten.
Glücklich sehen wir Mi-ok auch, wenn sie betrunken Ye-ji von allen möglichen Erlebnissen berichtet. Betrunken überbrückt sich kurzzeitig der Klassengegensatz. Das erinnert fast an Chaplins Klassiker „Lichter der Großstadt“, in dem ein Millionär immer nur dann freundschaftlich und auf Augenhöhe mit dem ärmlichen Tramp umgeht, wenn er alkoholisiert ist. In „Possible Love“ ergeben sich aber auch darüber hinaus vertrauliche Gesprächssituationen. Auch wenn Ye-ji immer wieder ihre Kamera hervorholen muss.

Arbeiter als Mittel zum Zweck – nur diesmal ein anderer Zweck
Und so befragt der Film klug Ye-jis Motivation für diesen Austausch. Findet sie das Paar wirklich sympathisch? Oder will sie nur ihren Film zu Ende drehen? Peinlich berührt ist sie jedenfalls, nachdem Cheol ihr Telefonat mit Sang-woo zu Beginn belauscht, in dem sie sagt, sie müsse unbedingt ein gutes Verhältnis zu den beiden aufbauen, wolle sie daher zum Essen einladen. Selbst ihr Mann konfrontiert sie irgendwann damit, sie würde doch bloß „Method Acting“ betreiben. Einfühlendes Schauspiel, um ihre Geschichte zu bekommen. Eine Geschichte, die ihr, wenn sie gut genug ist, zur weiteren Distinktion von „da unten“ und Ruhm und Ehre verhelfen würde.
Mi-ok und Ho-seok, für sie womöglich nur Objekte, wird all das verwehrt. Wenn sie Menschen nur als Mittel zum Zweck behandelt – nun, dann ist Ye-ji kaum von den kritisierten Unternehmern unterscheidbar. „Possible Love“ gibt keine abschließende Antwort, wird aber im letzten Drittel eher pessimistisch. Und lässt nebenbei offen, was Wirklichkeit besser abbildet: Lee Chang-dongs Fiktion oder Ye-jis Dokumentation?
Fazit
„Possible Love“ zeigt: Wir leben in einer Klassengesellschaft. Das verleitet den Film aber nicht zu Dogmatismus, sondern fruchtet in einem sehr vielschichtigen, menschlichen Diskurs über eigene Möglichkeiten und fremde Bestimmungen. Kombiniert mit herausragendem Schauspiel, präziser Kameraarbeit und dem impliziten Appell an den Zuschauer, sich mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen, macht das Lee Chang-dongs Werk zu einem der bislang interessantesten Filme des Jahres.
Bewertung
(90/100)
„Possible Love“ – Filmdaten
- Originaltitel: Ga-neung-han Sa-rang (가능한 사랑)
- Erscheinungsjahr: 2026
- Produktionsland: Südkorea
- Regie: Lee Chang-dong
- Drehbuch: Lee Chang-dong, Oh Jung-mi
- Besetzung: Jeon Do-yeon, Sul Kyung-gu, Zo In-sung, Cho Yeo-jeong
- Genre: Drama, Gesellschaftsdrama
- Laufzeit: 164 Minuten
- Sprache: Koreanisch
- VÖ: 22.10.2026 in ausgewählten Kinos, 6.11.2026 auf Netflix (weltweiter Start)
Bilder: (c) Netflix
