Erst „Superman“ (2025), dann „Supergirl: Woman of Tomorrow“ (2026) und nun „Clayface“: Das noch junge DC Universe hat den nächsten Film hervorgebracht, siedelt erstmals in Gotham City an und setzt einen Superschurken ins Zentrum des Geschehens. Der Film ist seit 22.10.2026 im Kino zu sehen.

Kritik von Richard Potrykus

„Clayface“ unter der Regie von James Watkins („Speak No Evil“) handelt vom erfolgreichen und gut aussehenden Schauspieler Matt Hagen (Tom Rhys Harries, „Kandahar“). Als dieser Schwierigkeiten mit dem Gangsterboss Markos Szabo (David Dencik, „Chernobyl“) bekommt und sein Gesicht extrem zerschnitten und entstellt wird, kriegt Hagen die volle Gewalt der Oberflächlichkeit der Filmindustrie zu spüren.

Es ist die Wissenschaftlerin Caitlyn Corr (Naomie Ackie, „Mickey 17„) und die von ihr entwickelte experimentelle Nanotechnologie, die Abhilfe schaffen und das Gesicht rekonstruieren soll. Die Therapie verläuft erfolgreich, doch führt Matts seelische Unausgeglichenheit immer wieder zu Ausfällen und schließlich zu einer Verwandlung in „Clayface“.

„Clayface“: Ein alter Batman-Widersacher im Zentrum

Den tragischen Schurken gibt es bereits seit 1940 und obwohl er beinahe so alt wie Batman selbst ist, ist er einer seiner eher stiefmütterlich behandelten Widersacher. Alle paar Jahrzehnte wird die golemhafte Gestalt neu erdacht, teils mit vollständig neuer Origin-Story, teils als Kombination bestehender Inkarnationen.

Der nun vorliegende Schauspieler Matt Hagen ist dabei eine leicht abgewandelte Reprise des Clayface aus „Batman: The Animated Series“ aus den 1990er Jahren und trifft einen Nerv im Zeitgeist, denn niemand interessiert sich für den Menschen Hagen. Was zählt, ist allein das Produkt Hagen und das macht der Film mehr als deutlich.

Der Schauspieler Hagen erhält eine Gesichtsmassage, nur um dann eine Verletzung geschminkt zu bekommen. Für seine Leistung in einem Film wird er nominiert, doch in einer Talkshow, in der eingeladen wird, drehen sich die Fragen um seinen authentisch imitierten britischen Akzent und uninspiriertes rhetorisches Geplänkel. „Du hast so viele Gesichter“, konstatiert der Moderator. „Da fragt man sich doch manchmal, wer ist der wahre Matt Hagen?“ Die Frage mag im Raum stehen, doch an der Beantwortung ist niemand interessiert.

„Clayface“ behandelt auch die Oberflächlichkeit der Filmindustrie

Immerfort geht es in „Clayface“ um das schöne Gesicht und schließlich um das Ausbleiben von Empathie und Gemeinschaft, wenn das Gesicht nicht mehr so schön ist. Und dann bringt der Film die postfaktische Gegenwart ins Spiel und vollendet die Katastrophe. Fake News, gekaufte Aussagen, das ganze Programm. Hagen bleibt zurück, ohnmächtig und verarmt. Er muss sein nobles Apartment verlassen und zieht in eine heruntergekommene Wohnung ohne saubere Tapete, dafür mit Kakerlaken. „Clayface“ zeigt deutlich, dass nur der Schönes bekommt, der selbst schön ist.

Bei Bewerbungen auf Stellenangebote geht der Trend mehr und mehr zur Bewerbung ohne Foto (teils auch ohne Namen, doch um Rassismusprävention geht es hier nicht). Das Talent soll in den Vordergrund rücken, es sei denn, die angebotenen Positionen beinhalten Schlagworte wie Frontdesk oder Kundenkontakt. Je exponierter der Ort der Arbeit, desto eher zählt das gute Aussehen.

Mann ohne Gesicht

Hagen ist entstellt. Ihm wurde damit sein Kapital als Schauspieler genommen von einer gekränkten Person, die einer unverhältnismäßigen Gewaltfantasie freien Lauf ließ. Auch hier greift „Clayface“, für dessen Drehbuch kein geringerer als Mike Flanagan („Carrie“) verantwortlich war, die Idee nicht aus der Luft. Wann immer irgendwo ein Gewaltverbrechen stattfindet, sind die Kommentarspalten in den sozialen Medien übervoll mit Beiträgen derjenigen, die gerne täten, wenn sie könnten, gefolgt von den Schilderungen ärgster Grausamkeiten. Im Film wird aus der Anonymität des Internets die Anonymität der kriminellen Unterwelt und die Furcht vor selbiger.

Hagen muss sich zurückziehen, nicht einmal das Fahren mit der U-Bahn bleibt ohne Konflikte. Er trägt eine Maske aus halbtransparentem Kunststoff. Sie verbirgt das Nötigste, aber nimmt ihm nicht die Menschlichkeit. Sie macht aus ihm einen Gefangenen, ähnlich der Tochter in „Augen Ohne Gesicht“ von 1960, allein Hagen ist selbständiger als jene Tochter und nicht abhängig von den kriminellen Machenschaften des Vaters.

Soviel zur durchaus spannenden Ausgangslage der Geschichte. Die Lösung ist erzählerisch billig und doch gut gewählt, denn die Wunderwaffe Nanotechnologie, die es bereits seit Jahrzehnten in Literatur und Film/Fernsehen gibt, ist simpel und kann doch gezielt und zu dramaturgischen Zwecken eingesetzt werden. Und so wird aus experimenteller Technologie eine besondere Form des Looksmaxxings, welches nicht zuletzt dank TikTok-Trends haarsträubende (pun intended) Ausmaße angenommen hat.

Am Ende wird Hagen zu Clayface, einem zwei Meter großen, formwandelnden Lehmklumpen, der entfernt an eine menschliche Gestalt erinnert. Die Maske trägt er dann nicht mehr, schließlich gibt es kein vernarbtes Gesicht zu verbergen, und auch seine Identität wurde ihm genommen.

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Ein Film wie guter Wein

Mit der ersten Sichtung kann es leicht sein, dass „Clayface“ plump erscheint. Alles geschieht zu explizit und ohne Tiefgang, da helfen auch die paar echt ansehnlichen Schockmomente nicht, die im Film großartig in Szene gesetzt wurden. Die Plötzlichkeit der Ereignisse erinnert ein wenig an eine schlechte Nacherzählung der Handlung, doch je länger der Film andauert, desto mehr wird klar, dass hier voller Absicht glasklare Entscheidungen getroffen wurden.

In Watkins‘ „Clayface“ geht es nicht um den sozialen Sturz Hagens, sondern darum, was passiert, wenn die Person längst aufgeschlagen und der Sturz dennoch nicht beendet ist. Am Ende des Films wird Hagen in vielerlei Hinsicht kein Mensch mehr sein. Wie tief also musste er fallen, um selbst den Tod zu unterbieten?

Dabei wird der Film nie zu bedeutungsschwanger. Er ist kein Lehrstück eines russischen Formalisten, sondern noch immer eine Comic-Verfilmung über eine Shapeshifter. Größtes Lob geht daher an Kameramann Rob Hardy („Civil War“) und Editor Jon Harris („28 Years Later“). Die beinahe Unsichtbarkeit des Schnitts, durch den Hagen im Moment eines Fingerschnipses mal so dann so aussieht, ist großartig gelungen.

Die kreative Brutalität, die mit einzelnen Morden einhergeht, ist eine Wonne und es wird so sein, dass „Clayface“ mit der Zeit immer vergnüglicher sein wird, wenn die Last der ersten Sichtung hinter einem liegt. Ein paar Abstriche wird es bei den Computereffekten geben, aber das sollte zu verschmerzen sein.

Clayface film 2026

Fazit

„Clayface“ zeigt einen kreativen Umgang mit der Materie und es ist sehr schön, zu sehen, dass der Film seine eigene Identität besitzt und sich nicht wie im MCU dem Look and Feel anderer Produktionen anbiedert. Dass aus Protagonist Hagen zudem nicht auf Krampf ein Antiheld gemacht wird, sondern er in der Tragik seiner Figur bleiben darf, ist ebenfalls ein Pluspunkt und auch eine Herausforderung für weitere Projekte. Gerade jetzt im Schocktober ist der Film eine gute Empfehlung für einen Filmabend im Kino.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(77/100)

„Clayface“: Seit 22.10.2026 im Kino.

Bilder: (c) Warner bros.