Wo sind die kraftvollen Polit-Satiren geblieben?

von Christian Oehmigen

Wir leben in einer Zeit, die geradezu nach satirischer Aufarbeitung schreit. Trump in Amerika, die AfD in Deutschland – es gäbe genug Stoff für filmische Auseinandersetzungen mit der beängstigenden Realität. Die Absetzung der amerikanischen Late Night-Hosts Stephen Colbert ab 2026 und die heute bekannt gewordene Absetzung von Jimmy Kimmel mit sofortiger Wirkung – beide scharfe Kritiker von Donald Trump – sind erschreckende Beispiele dafür, wie autoritäre Regimes Meinungsgfreiheit einschränken.

Die besten Filmsatiren sind stets in und aus den dunkelsten Kapiteln der Geschichte heraus entstanden – eben weil wir auch lachen wollen, direkt ins Gesicht der Bedrohung, als eine der letzten Formen des (gewaltlosen) Widerstands gegen „das Böse“. Filmische Beispiele für beißende Polit-Satiren, die genau das ermöglichen, gibt es genügend. Als einer der Klassiker in dem Bereich gilt Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964), der während des Kalten Krieges und zur Zeit konstanter nuklearer Bedrohung den Zustand der Welt auf so humorvolle wie bitterböse Weise zusammenfasste.

Satire als Widerstand

Doch was haben wir, was haben Kunst, Kultur, die Zivilgesellschaft und eben auch der Film dem massiven Rechtsdruck in Europa, weiteren vier Jahren Trump, Klimakrise, Gesundheitskrise, Inflation, Putin, Israel-Palästina-Konflikt, den Bedrohungen durch künstliche Intelligenz entgegenzusetzen?

Der letzte größere Mainstream-Film, der in diese Kerbe schlug, war die apokalyptisch-politische Satire „Don’t Look Up“ (2021) auf Netflix, der mit vielen Stars besetzte Film von Adam McKay über das drohende Ende der Welt (durch einen nahenden Kometen), das aber niemanden interessiert. Kein schlechter Ansatz, aber doch etwas zahm.

Liegt der Mangel an kraftvoller, provokativer Satire daran, dass viele Filmemacher nicht mehr anecken möchten, aus Angst vor einem Cancel-Backlash? Kritik muss aber in allen Formen erlaubt sein – gerade in der Kunst. Letztendlich ist Satire ein intellektuelles Entgegenstemmen gegen beunruhigende Zeiten und Realitäten, humorvoll, aber eben auch kritisch und subversiv. Sie soll zum Lachen anregen, befreien, aber auch nachdenken und reflektieren lassen. Das Ende von „Dr. Seltsam“ ist absurd, geradezu erschreckend – und gerade deswegen wirkt es nach.

Doch wo sind die Politik-Satiren hin? Noch vor 10 Jahren gab es mit „The Interview“ (2014) eine geniale Satire auf das nordkoreanische Regime, 10 Jahre vorher kam „Team America“ (2004) heraus, das auch Nordkorea im Visier hatte, und natürlich die USA selbst. Aus der Zeit stammt auch Mike Judges „Idiocracy“ (2006), der in Anbetracht der realen politischen Vorgänge in den USA heute fast schon dokumentarisch wirkt.

2017 kam „The Death of Stalin“ heraus, eine schwarze Komödie über den Machtkampf nach Stalins Tod. Man hatte da schon das Gefühl, die Satire wird immer seichter, weichgespülter. „Jojo Rabbit“ (2019), eine Anti-Hass-Satire (laut der Marketingkampagne), trieb die klamaukhafte „Wohlfühl-Satire“ auf die Spitze. In dem Film fungiert Hitler als der imaginäre Freund eines 10-jährigen Jungen, der total überzeugt vom Faschismus und den Nationalsozialisten ist. Die Nazi-Gehirnwäsche hat gewirkt. Und natürlich kommt seine Weltanschauung ins Wanken, als er eine „richtige“ Jüdin kennenlernt.

Über Hitler lachen galt bei uns übrigens lange Zeit als geschmacklos, „darf man denn das?“ Auch bei „Jojo Rabbit“ wurde diese Frage gestellt, wenngleich in Europa mehr als in den USA. Bei den deutschen Produktionen „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Hitler Adolf Hitler“ (2007) oder bei dem dokumentarisch angehauchten „Er ist wieder da“ (2015) wurde das umso stärker thematisiert: Was darf Satire, wie weit darf sie gehen? Doch als diese Filme herauskamen, war die NS-Zeit lange vorbei, der Naziterror überwunden, die Distanz zu den Gräueln groß.

Charlie Chaplin nahm Hitler aufs Korn

Im Jahr 1939 war das noch anders. Da hatte Adolf Hitler längst angefangen, in Europa Angst und Schrecken zu verbreiten. Charlie Chaplin erkannte das schreckliche Potenzial schon, nachdem er Leni Riefenstahls Propaganda-Film „Triumph des Willens“ (1935) gesehen hatte. Für Chaplin war klar, dass er sich der Figur Hitler – in seinem Film „Der große Diktator“ (1939) Hynkel genannt – nur durch Ironie und Lächerlichmachen nähern kann.

Satire als erzählerisches Mittel war für Chaplin aber nichts Neues, sein letzter Film davor war schließlich „Modern Times“ (1936) gewesen , eine Gesellschaftssatire, die auch 90 Jahre später noch sehr gut funktioniert. Wobei die beiden Filme auch nur die Perfektion von Elementen vorantrieben, die schon sehr lange in Chaplins Filmen zu sehen waren. Er war schon immer ein sehr guter Beobachter gewesen. Das zeigt sich in „Der große Diktator“ besonders in der parodistischen Karikatur von Hitlers Rede. Exakt beobachtet, überspitzt nachgeahmt, zugleich unnachahmlich, wie Chaplin ein deutsches Kauderwelsch nach dem anderen loslässt, das keinen Sinn macht, aber vom Publikum trotzdem verstanden wird: „Demokratzy shtunk, Liberty shtunk, free sprechen shtunk“.

Natürlich hat der Film auch Slapstick-Einlagen, aber viel seltener, als man es von früheren Chaplin-Filmen gewohnt ist. Und ganz nebenbei war „Der große Diktator“ sein erster, lupenreiner Tonfilm. Als hätte er auf den perfekten Moment dafür gewartet.

Chaplins größter Moment kommt am Ende des Films, wo niemand Geringerer als er selbst zum Publikum spricht. In einem der emotionalsten Monologe der Filmgeschichte betont der Regisseur und Schauspieler, wie wichtig es ist, unsere Menschlichkeit beizubehalten und im Namen der Demokratie zusammenzuhalten. Selbst Chaplin hätte es in seinen schlimmsten (Alb-)Träumen nicht ausmalen können, was für unmenschliche Ausmaße der NS-Terror noch annehmen sollte. Später meinte er, dass er den Film nie gemacht hätte, wenn er von den Konzentrationslagern gewusst hätte. Es ist trotzdem gut, dass es ihn gibt Als Beispiel für die Kraft des Mediums Film, das Böse bloßzustellen. Als Warnung.

Und jetzt stehen wir wieder vor brisanten Zeiten, oder schon mittendrin. Rechte und rechtsextreme Parteien nehmen an Fahrt auf, etablierte Parteien finden keine Antworten darauf und auf die Fragen unserer Zeit. Viele Menschen fühlen sich unverstanden, alleingelassen. Doch wenn die Geschichte eines lehrt: Blindes Vertrauen in Demagogen macht die Sache selten besser.

Gerade jetzt bräuchten wir wieder starke politische Satire – als Ventil, als Korrektiv und als Mahnung. Denn wie Charlie Chaplin uns zeigte: Manchmal braucht es das Lachen, um der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Bildquelle: Trailer screenshot – The Great Dictator trailer, Public Domain