Während man selbst von einem Proto-Faschisten regiert wird, kann es erleichternd und erheiternd sein, über niedlich-dämliche Nazis zu lachen, die durch ihre zeitliche und räumliche Entfernung keine reale Gefahr darstellen: So lässt sich der Erfolg von Taika Waititis Möchtegern-Satire „Jojo Rabbit“ in den USA in einem Satz erklären. Während die Grundidee hinter dem Film höchst interessant, mutig und innovativ wirkt, ist die Umsetzung als „Nazi-Feelgood-Movie“ zwar ansehnlich und zeitweise amüsant, aber insgesamt zu brav, kantenlos und konventionell geraten – ein Schelm, wer dahinter Waititis Prägung durch seine Marvel-Inszenierungen vermutet.

von Christian Klosz

Worum geht es in „Jojo Rabbit“? Der 10-jährige Johannes „Jojo“ Betzler ist ein großer Hitler-Verehrer und Nazi-Bewunderer, dessen Kinderzimmerwände mit prächtigen Propaganda-Postern volltapeziert sind. Das Höchste seiner deutschtreuen Gefühle ist die Teilnahme an einem Hitlerjugend-Trainingscamp, bei dem er sich unglücklicherweise selbst in die Luft sprengt, und zu seiner großen Enttäuschung als „Invalide“ nicht selbst in den Krieg ziehen darf wie sein guter Freund Yorkie. Seine Zeit verbringt er fortan mit seinem besten Freund, Adolf Hitler, dargestellt von Regisseur Waititi, der Jojo in seiner Fantasie besucht. Die unerschütterliche Freundschaft zwischen den beiden wird auf eine harte Probe gestellt, als Jojo in der Wand versteckt die junge Jüdin Elsa entdeckt, die dort zum Schutz vor der Nazi-Verfolgung von Jojos Mutter Rosie platziert wurde: Jojos Glaube an die deutsche Nation und die Überlegenheit der deutschen Rasse wird auf eine harte Probe gestellt, als er sich mit Elsa anfreundet – und die andere Seite der Geschichte kennen lernt.

Auf dem Papier (oder Bildschirm) klingt das zugegeben grandios, allerdings hapert es an der Umsetzung: Für eine wirkliche Satire ist „Jojo Rabbit“ zu brav, zu mutlos, zu konventionell, für ein Drama wiederum zu lustig und/oder oberflächlich. Durchaus ernsten Phänomenen und politisch immer noch relevanten Fragen (Demagogie, Populismus, Manipulation, Verblendung, Faschismus, Rassismus…) wird mit albernem Humor begegnet, der so harmlos und niedlich daherkommt, dass man nicht einmal an den durchaus fragwürdigen Darstellungen von Juden (tierartige Wesen mit unter den Haaren versteckten Hörnern, und Schlimmeres) etwas aussetzen kann: Dem kleinen, süßen Jojo kann man nicht böse sein, selbst wenn er die wirrsten Gedanken von sich gibt.

Natürlich, der Film bietet gute Unterhaltung, und hat seine Vorzüge: Sam Rockwell brilliert abermals als abgefuckter Bösewicht mit guten Herzen (und homosexuellen Neigungen), während sich Waititi mit seiner albern-überdrehten Darstellung des „Führers“ für diverse Nebendarsteller-Preise bei Film-Awards empfiehlt. Das Problem abermals: Durch die bewusste Überzeichung und das Abrutschen in den Klamauk nimmt man ernsten Phänomenen die Ernsthaftigkeit. Von Verharmlosung zu sprechen wäre übertrieben, doch der Erkenntnisgewinn durch oder aufklärerische Wert von „Jojo Rabbit“ ist gleich null. Das muss kein Vorwurf sein, aber es war doch zu erhoffen, dass ein Film mit einem derartigen kreativen Potential mehr daraus macht. Stattdessen bekommt man eine nette, solide inszenierte Wohlfühlkomödie serviert, die keinem wehtut, die aber am Ende auf dem Papier um einiges besser aussieht als auf der großen Leinwand.

Bewertung:

7 von 10 Punkten

Bilder: (c) Viennale

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