Der koreanische Regisseur Park Chan-wook galt bereits als „cool“, bevor die Corean Wave mit voller Wucht die (westliche) Popkultur flutete, bevor K-Pop Massen begeisterte, Filme wie „Parasite“ Oscars gewannen und Serien wie „Squid Game“ internationale Erfolge feierten. Sein „Oldboy“ gilt heute als Meilenstein des asiatischen Films, auch „Die Taschendiebin“ ist für viele ein Meisterwerk. Nun erscheint Parks neuer Film „No Other Choice“ – nach dem Erfolg in Venedig 2025 – bei uns. Und wenn man manche Kritiken liest, lässt einen das einen neuen, großen Wurf erwarten. Kann die schwarze Komödie diese hohen Erwartungen erfüllen? Ab 5.2.2026 im Kino.
Kritik von Christian Klosz
Familienvater Man-soo (Lee Byung-hun, bekannt aus „Squid Game“) verliert nach vielen Jahren seinen geliebten Manager-Job in einer großen Papierfabrik, die Übernahme durch einen US-Konzern führte zu „Rationalisierungsmaßnahmen“, er ist eines der Opfer. Es gäbe halt keine andere Wahl („no other choice“), wird ihm mitgeteilt. Er ist am Boden zerstört, weil er mit seiner Frau Mi-ri (Son Yejin) und den beiden Kindern eigentlich sein Traumleben führt: Ein großes Haus (das seiner Kindheit, das aufwändig renoviert wurde), 2 Autos, 2 Hunde eine solide Existenz in der Mittelschicht. Selbst erarbeitet durch Fleiß und Durchhaltevermögen.

„No Other Choice“: Auswegloser Kapitalismus?
Mit der Entlassung steht nun die Zukunft in den Sternen, und die verheißen nichts Gutes: Eine neue KI-getriebene Automatisierungswelle hat die gesamte Papierbranche ergriffen, zu der Man-soo eine ähnlich innige Liebe hegt wie Hank Hill zu seinem „Propangas“. Offene Stellen sind rar und von mehreren geeigneten Kandidaten umworben. Als die verzweifelte Jobsuche auch nach Monaten nicht zum Erfolg führt, schmiedet Man-soo einen fatalen Plan: Er macht seine härtesten Konkurrenten um seine Lieblingsposition ausfindig, und beginnt sie nacheinander auszuschalten.
Stilistisch, da lässt sich an Parks neuem Werk nichts aussetzen. Kunstfertig spielt er mit der Kamera, wechselt Winkel, Neigungen , komponiert ein ums andere Mal präzise, kunstvolle Einstellungen, ohne dabei zu sehr ins Experimentelle abzugleiten und ein breites Publikum vor den Kopf zu stoßen. „No Other Choice“ ist trotz seines stilistischen Anspruchs mainstreamtauglich und zugänglich, universelle Themen und Tropen überwiegen die auch porträtierten Eigenheiten der koreanischen Gesellschaft (die Vorlage zum Film stammt vom US-Amerikaner Donald Westlake).
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Grundsolide, aber kein großer Wurf
Erzählerisch, da hat „No Other Choice“ allerdings seine Mängel, gerade im letzten Drittel. Das Ende wirkt etwas unausgegoren und unbefriedigend. Ein Hauptproblem ist auch, dass der Film keine Identifikationsfigur aufweist: Man-soo, der Anti-Held der Geschichte, taugt spätestens ab seinem ersten Gewalteinsatz nicht mehr zum Sympathieträger. Für eine zynische Parabel, die den Kapitalismus überspitzt karikieren würde, dafür ist „No Other Choice“ wiederum zu wenig scharf, zu realistisch, zu albern.
Auch wird Man-soo nicht eindeutig als „Opfer eines ausbeuterischen Systems“ gezeichnet, sondern vielmehr als Mann, der Wahlmöglichkeiten hätte, sich aber trotzdem falsch entscheidet: no other choice gilt nicht für ihn, legt der Film nahe. Wenn es also nicht (ausschließlich) „am System“ liegt, läge die Verantwortung beim Einzelnen.
Man-soo könnte so auch als „Negativbeispiel“ im Rahmen einer moralischen Erzählung konstruiert werden, doch auch das geschieht nicht: „No Other Choice“ fehlt dazu eine Gegensatz-Figur, die eine Alternative repräsentieren würde. Darsteller Lee Byung-hun macht seine Sache übrigens trotz dieser Unstimmigkeiten ausgezeichnet.
Am stärksten ist Parks Films im Mittelteil, wo er den Charakter einer schwarzen Komödie annimmt: Humor hat „No Other Choice“ allemal und absurd aufgebaute Szenenabfolgen sorgen immer wieder für Amüsement. Leider wird das nicht bis zum Finale durchgehalten.
Fazit
„No Other Choice“ ist handwerklich hochklassig gemacht, stellenweise sehr amüsant und durchaus sehenswert, vor allem wegen seiner humoristischen Aspekte. Der Film funktioniert aber eher als (schwarze) Komödie denn als Satire oder Drama, ist dann am besten, wenn er das sein will und nicht mehr, da die mögliche Gesellschaftskritik zu schwammig und unausgegoren gestaltet ist. Grundsolide, aber kein neues Meisterwerk.
Bewertung
(75/100)
„No Other Choice“ – seit 5.2.2026 im Kino
Bilder: © 2025 CJ ENM Co. Ltd. MOHO FILM
