Man kann über die Person Woody Allen gewiss streiten. Undiskutabel ist allerdings seine beträchtliche Leistung, seit 1966 fast jährlich Filme zu veröffentlichen. So auch 2017, als „Wonder Wheel“ erschien, der nun auch bei uns in den Kinos zu sehen ist.

Dieser Film scheint unter anderem eine Liebeserklärung an Kindheitserinnerungen, von Besuchen in „Coney Island“ zu sein. “It always impressed me. There were so many colorful people there, and so many conflicting and complex activities going on, and it was such a vital atmosphere. I thought it would be a very provocative atmosphere to set a dramatic story in” ist auf seiner Homepage zu lesen. Dieses Bild verarbeitet er in seiner Geschichte über die Kellnerin und ehemalige Schauspielerin Ginny (Kate Winslet) die mit Sohn Richie (Jack Gore) und ihrem Mann Humpty (Jim Belushi) versucht, sich im „Coney Island“ der 50er Jahre über Wasser zu halten. In ihrem Kampf um ein intaktes Familienleben taucht eines Tages Humpty‘s Tochter Carolina (Juno Temple) unerwartet auf, die sie sich auf der Flucht vor ihrem Ex-Mann, einem Mafioso, verstecken muss.

Erzählerisch begleitet wird die Geschichte von Mickey (Justin Timberlake), dem Rettungsschwimmer, der davon träumt Theaterstücke zu schreiben. Mit seiner dementsprechenden Freude für Leid und Drama kommentiert Mickey im Laufe des Filmes Szenen, gibt Aufschlüsse über Hintergründe, und versucht sein eigenes Verhalten zu begründen.

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In gewohnt gut geschriebenen und witzigen Dialogen entfaltet sich so ein Film über eine Dreiecksbeziehung, gescheiterte Ehen, einen brandstiftenden Sohn und das alltägliche Leben in einem quietschbunten Vergnügungspark. Dabei geht es, wie oft in Allen’s Filmen, nicht um komplexe Erzählungen oder große Milieustudien. Der Kern der Geschichte sind seine Charaktere und deren komplizierte Verhältnisse zueinander. Zusätzlich ist in diesem Film die Location und der damit einhergehende Einsatz von Licht zentral für das Erzählen. Durch die unzähligen Jahrmarktsstände und das Riesenrad im Park erscheint eine Szene bunter als die Andere. Dabei gibt es auch Ausnahmen, wenn es in Gesprächen mal ernster zugeht, reduziert der Film oft drastisch seine Farben, ohne dabei Schnitte zu verwenden: Von einer in rotem Licht badenden Kate Winslet, bis hin zu fast trist wirkenden Einstellungen, durch stark reduzierten Farbeinsatz. Diesem expressiven Farb- und Lichtspiel merkt man die Künstlichkeit in fast jeder Szene an. Selten scheint die Farbgebung logisch aus der Erzählwelt zu stammen.

Dadurch lässt sich auch ein großer Kritikpunkt anmerken: Der Film wirkt allgemein zu „inszeniert“. Teilweise hat man das Gefühl, vor Allem bei langen Einstellungen, Zuseher eines Theaterstücks zu sein. Alle Bewegungen wirken perfekt einstudiert, die Dialoge werden mit viel Emotion von den ausgezeichneten Schauspielern vorgetragen und das Set wird durch die sich bewegende Kamera stets großartig genutzt. Trotzdem bleibt die Stimmung immer sehr artifiziell. Wer Film als glattgebügeltes, durchinszeniertes Werk sehen will, wird mit „Wonder Wheel“ wenig Freude haben. Seine spezielle Machart kann jedoch, wenn man bereit dafür ist, der Geschichte eine bereichernde Ebene hinzufügen. Da die Protagonisten kaum ehrlich miteinander sind, fügt sich diese „Aufgesetztheit“ der Inszenierung gut ein.

Letztlich ist der Soundtrack die Kirsche auf der Sahnehaube. Mit alten Stücken von „Jo Stafford“ und „The Mills Brothers“ wird die Nostalgie rund um den Coney Island Vergnügungspark spürbar. Wer den Einsatz von Musik in anderen Filmen von Woody Allen mochte, hat auch in diesem Film seine Freude.

Für den Einstieg in Woody Allen’s Filmographie eignet sich „Wonder Wheel“ kaum. Weder ist er repräsentativ für sein weiteres Schaffen, noch ist er einer der wirklichen Meilensteine. Wer Allen’s Werke jedoch mag, hat auch große Chancen „Wonder Wheel“ gut zu finden. Der erfrischende Einsatz von Licht und Farbe sowie das ungewöhnliche, theaterhafte Schauspiel erzeugen einen besonderen Blick auf die durch den Film geschaffene Welt. Erfreut man sich an diesen Dingen, so sieht man einen sehr besonderen Film, der zwar auf lange Sicht wohl nicht von großer Bedeutung ist, aber auf jeden Fall viel Spaß machen kann.

von Valerian Happenhofer

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