PRO:

Wer sich schon einmal mit der Person Lars von Trier, und/oder einem seiner Filme auseinandergesetzt hat, weiß in etwa, worauf er sich einlässt. Der Mann weiß, wie man provoziert – nicht nur in seinen Filmen.

Gewährt der dänische Regisseur uns in „Melancholia“ einen authentischen Blick in die Seele einer depressiven Frau, seziert „Antichrist“ das Gefühlsleben eines Paares, das gerade seinen Sohn verloren hat.

Abgesehen von einer außergewöhnlichen Eröffnung, die komplett ohne Farbe auskommt und den Liebesakt der zwei namenlosen Akteure in gedrosselter Geschwindigkeit zeigt, startet die Handlung erstaunlich linear, sodass der Film zu Anfang fast schon „normal“ wirkt. Es wird aber relativ schnell ersichtlich, dass dieser Eindruck täuscht.

Unterteilt in vier Akte kreiert Von Trier mit einer Mixtur aus anmutigen Naturaufnahmen, surrealen Traumsequenzen und drastischen Bildern einen Film, der einen in seinen Bann zieht. Der Verzicht auf Filmmusik und die überragende Leistung der beiden Protagonisten erzeugen eine wahnsinnig dichte Atmosphäre und lassen keine Sekunde Langeweile aufkommen. Insbesondere die teilweise dominante Stille ist ein präzise gewähltes Stilmittel, das den Film gekonnt aus der Masse hervortreten lässt. Auch Dialoge sind eher rar gesät, sodass vieles nur über die visuelle Ebene kommuniziert wird.

Gegen Ende hin tendiert diese Ebene immer mehr in Richtung Brutalität und drastische Darstellung; die Auflösung, wenn man sie denn so nennen mag, ist vielschichtig und geprägt von verschiedenen Motiven und Symbolen, sodass man sich seine Erklärung gewissermaßen selber zusammensetzen muss. Im Gegensatz zu anderen Filmen bleibt man aber nicht ahnungslos zurück, sondern kann mit etwas Fantasie eine Erklärung finden. Es bleibt dennoch viel Freiraum für Interpretation, und so muss am Ende letztlich jeder selber für sich entscheiden, was Von Trier mit „Antichrist“ aussagen möchte.

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Zusammengefasst: Faszinierend. Brutal. Verstörend. Schön. Krank. Viele werden diesen Film verteufeln (Achtung Wortspiel), und Gründe dafür bietet er allemal.
Wer aufgrund des Titel womöglich auf einen Horrorfilm hofft, der sich Dämonen und dem Kampf zwischen Gut und Böse widmet, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Ende enttäuscht sein. Wer allerdings auf besondere, kunstvoll geprägte Filme steht und nicht allzu zart besaitet ist, wird mit „Antichrist“ einen interessanten und zugleich erschütternden Einblick in die Abgründe der menschlichen Psyche erhaschen. Fazit: grandios!

von Cliff Brockerhoff

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CONTRA:

Während sich in Lars von Triers „Melancholia“, dem Mittelteil seiner „Depressions-Trilogie“, durchaus noch „Schönheit“ finden lässt, und „Nymphomaniac“, zumindest Teil 1, noch so etwas wie letzte Hoffnung verspricht, wirkt „Antichrist“ nur mehr krank. Mit einem anderen Adjektiv lässt sich der Film schwer beschreiben, auch wenn es plakativ klingt. Vielleicht zusätzlich noch: höchst verstörend, verwirrend, aberwitzig, irre, pervers, unverständlich.

Findet man für die zuvor genannten Filme des Dänen zumindest einige Gründe, warum man sich damit konfrontieren sollte, welchen „Mehrwert“ die Versenkung in den Film haben könnte, tut man sich bei „Antichrist“ dabei äußerst schwer. Zu unverständlich und nicht nachvollziehbar ist die Absicht dahinter.

Der Beginn des Films ist noch logisch. Die triste Ausgangslage: Während die Eltern (Willem Defoe und Charlotte Gainsbourg) im Bett über einander herfallen, fällt ihr kleiner Sohn im Schneetreiben aus dem Fenster, und stirbt. Zeitsprung: Die Mutter kommt mit dem schweren Verlust nicht klar, und fällt in eine tiefe, tiefe und lähmende Depression. Ihr Mann, der Therapeut, versucht, wider besseres Wissen und gegen den Berufsethos verstoßend, sie selbst zu therapieren. Er befragt sie zu ihren Ängsten, versucht ihr klar zu machen, dass alles „nur Einbildung“ sei, verrennt sich aber selbst immer mehr in seinem durch Eitelkeit befeuerten Ehrgeiz, sie „heilen“ zu wollen.

Sie unternehmen einen gemeinsamen Trip in den Wald, den Defoes Charakter als die „größte Angst“ seiner Frau ausgemacht hat. Heilung durch hemmungslose Konfrontation lautet die Devise. Doch der Trip gerät immer mehr zum Alptraum, die Reise in den dunklen Wald wird zum Sinnbild für die Reise in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele.

Ohne nachvollziehbaren Grund verfällt die Frau vollkommen dem Wahnsinn, und versucht, ihren Mann zu töten. Ist in der ersten Hälfte des Films zumindest noch ansatzweise nachvollziehbar, warum die Protagonisten tun, was sie eben tun – auch wenn das alles nicht schön anzusehen ist – verliert die Handlung in der zweiten Hälfte jegliche Logik. Da stellt man sich als Zuschauer mehrmals die Frage, warum man sich das antun soll, weil auch die Szenen immer heftiger werden.

„Antichrist“ kann durchaus auch mit schönen Einstellungen aufwarten, und reißt gewisse interessante Aspekte an, ohne sie allerdings näher auszuführen. Dasselbe gilt für die christliche Symbolik, von der der Film durchdrungen ist. Die biblischen Andeutungen scheinen aber eher der Geschichte zu dienen, als wirklich wohl durchdachte Hintergründe zu bilden.

Vor allem die letzten 20 Minuten des Films sind wirklich schwer erträglich, voller grausiger und grauenvoller Szenen, deren Schwäche vor Allem ihr plakativ abstoßender Charakter ist. Die Intention, warum ein Regisseur solche Bilder schaffen sollte oder wollte, ist schwer nachvollziehbar. Und warum man sie sich dann eben ansehen sollte, noch weniger.

FAZIT: „Antichrist“ kann, wegen der oben genannten Gründe, wohl nur eingefleischten von Trier-Fans empfohlen werde, oder Cineasten, die der Vollständigkeit halber diesen Film und ersten Teil der „Depression-Trilogie“ sehen möchten. Zu „krank“, zu hässlich, zu abartig, ist das Dargestellte, sehr fragwürdig ist auch die Motivation des Regisseurs, einen solchen Film drehen zu wollen. Ein Film-Tipp nur für schwere Masochisten, denen es Freude bereitet, ihre Augen und Seelen zu quälen. Alle anderen sollten sich an von Triers schönere (und auch bessere) Filme halten.

von Christian Klosz

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KRITIK: „Nymph()maniac: Volume I” (director´s cut) – Lars von Trier; 2013

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