Als ein namenloser Dichter und seine bildschöne Frau eines späten Abends unerwarteten Besuch von einem mysteriösen Fremden erhält, sieht zunächst alles nach einem Missverständnis aus. Auch wenn sich vor allem bei ihr schnell Unbehagen ausbreitet, scheint die Situation harmlos zu sein. Nach und nach kommen allerdings immer mehr Menschen ins Haus des Paares, und so sehr die beiden auch versuchen dem Ganzen Einhalt zu gebieten – die Situation gerät immer mehr außer Kontrolle.

von Cliff Brockerhoff

„mother!“ ist der aktuelle Film des US-Amerikaners Darren Aronofsky und lässt sich am ehesten dem Psychothriller-Genre zuordnen. Er hat eine Laufzeit von 121 Minuten und feierte 2017 seine Weltpremiere im Rahmen der Filmfestspiele in Venedig. Aktuell ist er kostenlos auf Amazon Prime zu sehen.

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Filmkritiker sehen sich bei Ihren Texten oftmals mit diversen Problemen konfrontiert. Es gilt das richtige Maß zwischen objektiver und subjektiver Beurteilung zu finden, alternierende und lebhafte Formulierungen zu verwenden und im besten Falle sämtliche relevanten Kriterien auf den Punkt zu bringen. Bei Aronofskys neuem Werk eröffnet sich aber eine ganz neue Herausforderung: Wie soll die Genialität des vielschichtigen Geniestreichs umschrieben werden, ohne zu viel preis zu geben und so die Wertigkeit der Sichtung zu untergraben?

Der Film kommt quasi auf drei Ebenen daher und kann dementsprechend individuell interpretiert und verstanden werden. Auf der Metaebene erlebt der Zuschauer das Geschehen im Haus (inszeniert auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen) und das darin entstehende Chaos. Er begleitet die grandios aufspielende Hausherrin Jennifer Lawrence und den schwer einzuordnenden Dichter Javier Bardem beim Versuch, das Durcheinander im Zaum zu halten und wird durch eine Handlung geleitet, die sich mit fortlaufender Zeit immer mehr von seiner offensichtlichen Form abwendet und hineinführt in ein allegorisches und metaphorisches Konstrukt, das so ungeheuer subtil aufgebaut ist, dass eine erstmalige Sichtung durchaus in kompletter Ratlosigkeit enden kann.

Die beschriebene und optisch wahrzunehmende Handlung weist dabei bekannte Elemente aus den Genres Thriller, Horror und auch Drama auf. Letztlich sind es aber die darin versteckten Anspielungen die vor allem cinephilen Betrachtern einen extrem großen Mehrwert bieten. Aronofsky entscheidet sich nicht für eine rein objektive Darstellung sondern lässt auch seinen eigenen Gedanken freien Lauf und scheut nicht davor zurück, sehr drastische Bilder zu erschaffen, die nach dem Film für Gesprächsstoff sorgen. Insbesondere in der letzten halben Stunde verlässt der Film den befestigten Weg und schaukelt sich selbst zu einem wahren Horrortrip hoch, der sich wie zwei Hände um den Hals legt und die Festigkeit der Nackenmuskulatur auf die Probe stellt. Dass der Regisseur in der Lage ist, eine unangenehme Stimmung zu erzeugen, war in Anbetracht seiner vorherigen Werke („Requiem for a dream“, „Black Swan“) bereits bekannt; die Atmosphäre in „mother!“ ist allerdings fernab irdischer Kräfte. Wahnsinn!

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Die dabei entstehende Gefahr, in eine zu starke Abstraktion oder gar zu gewollte Provokation abzurutschen, umgeht Aronofsky durch Feingefühl und Talent. Den extremen Passagen stehen ruhigere Abschnitte gegenüber, die Luft zum Atmen lassen und gleichzeitig durch den entstehenden Kontrast beide Pole aufwerten. Die Erzählgeschwindigkeit variiert, wird aber zu keinem Punkt zäh oder gar langweilig. Alleine die regelmäßig eingestreuten neuen Details und Verweise erfordern die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers. Wo andere Filme auf laute Soundgeflechte setzen, um den Fokus aufrechtzuerhalten, verzichtet „mother!“ komplett auf eine musikalische Untermalung und agiert rein auf der visuellen Ebene. Diese erweist sich am Ende als so stark, dass der fehlende Soundtrack erst beim Abspann auffällt, als zum ersten Mal ein Song ertönt.

Fazit:

So schwer die objektive Beschreibung des Films fallen mag, so leicht fällt eine abschließende Beurteilung: „mother!“ ist ein komplexes Meisterwerk, das auch noch Tage nach der Sichtung zum Sinnieren und Diskutieren einlädt und ganz nebenbei immens wichtige und relevante Botschaften ausspricht. Wer diesen aufmerksam lauscht, wird mit einem spannenden, tiefgründigen und einzigartigen Filmerlebnis belohnt. Die Nichtbeachtung bei den Academy Awards gleicht purem Frevel, denn „mother!“ war, ist und bleibt der beste Film des Jahres 2017.

Bewertung:

10 von 10 Punkten

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