Als die pubertierende Anna nach einem tragischen Zwischenfall im örtlichen Krankenhaus aufwacht, ist sie verwundert und panisch zugleich. Zu angsteinflößend waren die Geschichten über den Wildling in den Wäldern, die ihr ihr Vater jeden Abend vor dem Zubettgehen erzählt hat; zu sehr geprägt ist Anna von der Isolation. Nach dem Krankenhausaufenthalt wird Anna in die Obhut von Sheriff Ellen Cooper gegeben und offenbart ihr wahres Ich.

„Wildling“ ist der neue Film des deutschen Regisseurs Fritz Böhm, der sowohl für die Regie als auch das Drehbuch des Fantasy-Horrorfilms verantwortlich war, und der im März 2018 im Rahmen des South by Southwest Filmfestivals seine Premiere feierte. Einen regulären Kinostart wird es nicht geben, stattdessen ist eine direkte Heimkinoveröffentlichung zum 26.Oktober 2018 geplant.

Simultan zum stark interpretierfähigen Titel beginnt auch der Film per se sehr abwechslungsreich und interessant. Was anfangs nach einem düsteren Familiendrama aussieht, bei dem das Heranwachsen eines jungen Mädchens in beinahe vollkommener Einsamkeit im Zentrum steht, entwickelt sich nach einigen Minuten plötzlich zu einem leichtherzigen Coming-of-age Film, der die täglichen Probleme junger Adoleszenten behandelt. Freundschaft, Ausgrenzung, Zusammenhalt, Liebe; all diese Themen behandelt Böhm in sehr angenehmer Art und Weise und kreiert eine Story, in die sich die Zuschauerschaft leicht einfühlen kann. Verpackt in eine wertige Optik bietet „Wildling“ zwar keine Neuerfindung des Genres, vermag es aber verschiedene Aspekte zu kombinieren und so ein stimmiges Grundkonstrukt zu entwickeln.

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Just in dem Moment, im dem der Film Gefahr läuft zu repetitiv zu werden, gewinnt die düstere Anfangsstimmung wieder die Oberhand. Dabei beweist vor allem die Hauptdarstellerin Bel Powley, dass sie in der Lage ist verschiedene Emotionen zu verkörpern und funktioniert sowohl als unbedarfte Teenagerin als auch als rebellische Göre, die immer mehr von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Diesem Problem kann auch Liv Tyler, die mit „Wildling“ zehn Jahre nach „The Strangers“ wieder in das Horrorgenre zurückkehrt, in ihrer Rolle als Sheriff Cooper keinen Einhalt gebieten. Und nicht nur sie hat mit immer größeren Problemen zu kämpfen, auch der Film weist im zweiten Teil einige Schwachstellen auf.

Die trübe Stimmung vom Anfang mag gegen Ende nicht mehr so recht funktionieren. Das liegt einerseits daran, dass sich „Wildling“ längere Zeit in anderen Fahrwassern aufhält und andererseits daran, dass Fritz Böhm das Budget scheinbar lieber in namhafte Schauspieler als in hochkarätige Effekte investiert hat. Auch wenn handgemachte Techniken durchaus ihren Charme haben, sollten diese nicht so eklatant ins Auge stechen, wie sie es in manchen Momenten des Films tun. Insbesondere eine Szene wirkt dabei nahezu trashig und stößt aufgrund der eigentlich hochglanzpolierten Bilder sauer auf.

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Auch insgesamt fehlt es dem Film am letzten Punch und an der letzten Konsequenz, etwas Eigenständiges zu erschaffen. Während die Protagonistin in alte Muster verfällt, rutscht auch die Story immer mehr in Richtung Klischee ab, verlässt ihren Weg durch den dichten Wald und nutzt lieber den Trampelpfad, den schon Hunderte vor ihr bestritten haben. Nicht, dass sie dabei großartig langweilig oder gar stupide werden würde, sonderlich gehaltvoll ist sie aber ebenso wenig und erinnert zu sehr an bereits Gesehenes, ohne dieses übertreffen zu können.

Fazit:

Ausgestattet mit einer guten Idee und einem guten Cast bietet „Wildling“ einen soliden Mix aus Body-Horror, Fantasy und Coming-of-age, der für eine abendliche Unterhaltung geeignet ist, im Fortlauf seiner 92 Minuten aber den Faden verliert und zu einem wilden Durcheinander mutiert, das am Ende unrund wirkt und sein Potenzial nicht gänzlich ausnutzen kann.

Bewertung:

6 von 10 Punkten

von Cliff Brockerhoff

Gesehen wurde der Film auf dem Fantasy Filmfest, das seit Jahren fester Bestandteil der gepflegten Filmkultur ist und zu den bedeutendsten Genre-Filmfestivals der Welt zählt. Auch in diesem Jahr macht das Festival in diversen deutschen Großstädten, unter anderem in Hamburg, Berlin, München oder Köln Station und begeistert Fans mit seinem abwechslungsreichen Festivalprogramm.

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