„Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen, und ein riesiger Sprung für die Menschheit.“ Worte, die ein jeder kennt und unweigerlich mit der Geschichte des Mannes verknüpft, dessen Namen jedem ein Begriff ist: Die Rede ist von Neil Armstrong, dem Mann, der 1969 als Kommandant der Apollo 11 als erster Mensch einen Fuß auf den Mond setzte und den erbitterten „Wettkampf ums All“ zwischen den USA und der Sowjetunion für seine Heimat entschied.

Die Eckpfeiler der Geschichte sind also bekannt, und unabhängig davon, ob eine Affinität zur Raumfahrt besteht oder nicht; den groben Verlauf kann nahezu jeder rekonstruieren. Dementsprechend groß waren die Zweifel daran, ob es Damien Chazelle mit „Aufbruch zum Mond“ (Originaltitel: First Man) gelingen würde, überhaupt Spannung zu erzeugen. Eine Frage, die der Mann, der unter anderem für den vierzehnfach oscarnominierten „La La Land“ verantwortlich ist, eindrucksvoll beantwortet.


Weitere Infos zum Film: „Aufbruch zum Mond“ ab 8.11. im Kino!


Dabei legt er, anders als viele andere neuere Filme des Science Fiction-Genres, den Fokus nicht auf groß aufgezogene und technisch versierte Aufnahmen des Weltalls, sondern widmet sich den Entbehrungen und Ängsten derer, die damals in die waghalsige Mission involviert waren – und erschafft so ein Biopic, dessen Kompassnadel deutlich in Richtung Drama ausschlägt. Auf eine pathosdurchtränkte Inszenierung und Ikonisierung von Neil Armstrong wird verzichtet, und selbst der legendäre Moment, in dem die amerikanische Flagge in die Mondoberfläche gerammt wird, wird lediglich angedeutet. Faktoren, die patriotische Amerikaner dazu bringen, den Film vorab zu verreißen, ihn auf der anderen Seite zu dem machen, was er ist.

First Man
links: Ryan Gosling als Neil Armstrong

„Aufbruch zum Mond“ ist kein actiongeladenes Effektfeuerwerk, sondern die berührende Porträtierung eines Mannes, der sich nach einem schweren Schicksalsschlag komplett der Mission verschreibt und damit sein eigenes Leben und das seiner Familie in Gefahr bringt. Armstrong, der 2012 im Alter von 82 Jahren verstarb, wird dabei von Ryan Gosling verkörpert, mit dem Chazelle schon in seinem bisherigen Karrierehöhepunkt zusammengearbeitet hatte. Gosling, der aufgrund seiner stoischen Art des Schauspiels von vielen kritisiert wird, ist die Rolle des introvertierten Raumfahrers förmlich auf den Leib geschnitten. Die Momente, in denen er seinem gewohnten Spiel entweicht, sind höchst emotional und bilden immer wieder kleine, leise Höhepunkte des Films. Aber nicht nur Gosling überzeugt in seiner Rolle; der gesamte Cast ist gnadenlos gut besetzt und erzeugt in Verbindung mit Kostümen, Kulissen und Musik der 1960er-Jahre eine hohe Authentizität. Egal ob Claire Foy als besorgte Ehefrau, Jason Clarke als treusorgender Nachbar oder Corey Stoll in der Rolle des leicht überambitionierten Buzz Aldrin; das gesamte Ensemble überzeugt.

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Claire Foy als besorge Ehefrau Armstrong

Trotz seiner vergleichsweise langen Laufzeit von knapp zweieinhalb Stunden und seiner dramaturgischen Ausrichtung erweist sich Chazelles Werk dabei als durchgängig spannende Geschichte, deren Dialoge eindringlich und deren Szenen auf so vielfältige Art und Weise berührend sind, dass es den Betrachter etliche Male in den Kinosessel presst. Als Armstrong bei einer seiner Missionen vor Apollo 11 plötzlich die Kontrolle über die Raumkapsel verliert, ungebremst durch das All geschleudert wird und der Bewusstlosigkeit nahe ist, zeigt der Regisseur sein gesamtes Können und erschafft durch extreme Kameraeinstellungen und ein unbarmherziges Soundgewand Szenen, die definitiv nachwirken. Durch die Verwendung einer Helmkamera wird der Zuschauer ein ums andere Mal kurzerhand direkt in das Geschehen gesogen und bekommt so eine leise Ahnung, welche Strapazen Armstrong seinerzeit auf sich nehmen musste.

Fazit:

Konträr zu seiner luftigen Thematik ist „Aufbruch zum Mond“ ein extrem bodenständiger Film, der durch seine Bandbreite an positiven Komponenten begeistert, gleichzeitig aber auch nicht daran spart Dinge kritisch zu hinterfragen. Ganz großes Kino der leisen Töne und eine bewegende Biographie über einen Mann, der nicht als großer Held in die Geschichte eingehen wollte, sondern auf der Suche nach seinem eigenen Seelenfrieden diese Welt verlassen musste. Meine Damen und Herren: The eagle has landed, und er hat hoffentlich die eine oder andere Oscarnominierung im Gepäck.

Bewertung:

10 von 10

von Cliff Brockerhoff

Bildrechte: ©Universal Pictures

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