Auch wenn Damien Chazelle in seiner Funktion als Regisseur verschiedenste Schwerpunkte in seinen Geschichten verhandelt, ist die Passion für eine bestimmte Thematik ein prägnanter Schnittpunkt aller Werke. In „Aufbruch zum Mond“ war es die Faszination für die Raumfahrt, in „Whiplash“ trommelte die Liebe zur Musik im Takt und bei „La La Land“ war es die Liebe höchstselbst, die beschwingt über die Leinwand tanzte – doch kann der US-Amerikaner auch in „Babylon“ die Hüften kreisen lassen? Ensemble und Ausrichtung bieten zumindest beste Voraussetzungen.

von Cliff Lina

Der Klang der Akteure ist dabei Musik in den Ohren eines jeden Filmfans: Pitt, Robbie, Wilde, Maguire, Weaving; die Liste ist lang und nicht minder schillernd. Kein Wunder, nimmt sich Chazelle doch dieses Mal das Medium Film vor, genauer gesagt die goldenen Anfangstage Hollywoods, in denen die stillen Bilder die Masse verzauberte und sie vor Alltagsproblemen fliehen ließ. Doch wie so oft trügt der Schein, und auf das fröhliche Loblied folgt der traurige Abgesang.

Das muss auch Jack Conrad (Brad Pitt) irgendwann feststellen. Einst der Liebling der Massen, muss der gefeierte Frauenheld sich mit dem Gedanken anfreunden, dass seine Karriere dem Ende entgegengeht und die Schnelllebigkeit der Branche ihn aus dem Geschäft zu drängen droht. Komplett gegensätzlich verläuft dagegen die Laufbahn von Nellie LaRoy (Margot Robbie). Mit Dreistigkeit, Geschick und einer Portion Glück steht der blonde Wildfang noch ganz am Anfang, ergattert eher zufällig seine erste Rolle und wird quasi über Nacht vom Niemand zum umjubelten Filmstar. Bindeglied zwischen beiden ist Manny Torres (Diego Calva), der sowohl Conrad als auch LaRoy auf einer dezenten Feier kennenlernt und ebenfalls einen Schritt in die Filmbranche setzen möchte. Angesprochene Feier ist der zentrale Schauplatz der ersten 30 Minuten. Minuten, in denen der Filmtitel noch nicht einmal erwähnt, die Zuschauerschaft aber bereits Zeuge von den wohl verrücktesten Szenen eines noch jungen Filmjahres wurde. Entblößte Körper, hemmungsloser Geschlechtsverkehr, wilde Kamerafahren mitten durch diverse Körpersäfte und allerhand anderer Schweinkram. Die Menschheit in ihrer „glamourösesten und animalischsten Form“ – so Chazelle selbst. Und doch ein normaler Abend in der Ära Hollywoods.

Zu Beginn macht der Film seinem Untertitel somit alle Ehre, doch wer den Regisseur kennt kann schon dort erahnen, dass die glänzenden Bilder irgendwann dem harten Geschäft weichen, das der Film in der zweiten Hälfte in den Fokus rückt. Zwischen all den Champagnerflaschen blitzt immer wieder der verbitterte Kampf auf, den Filmschaffende im Hintergrund austragen, um ihre Werke zu möglichst viel Geld zu machen. Einzelschicksale zerschellen an den Erwartungen, Träume zerplatzen in vernichtenden Kritiken und der Weg zu Ruhm und Ehre schlägt genauso schnell um, wie er einst begonnen hatte. Um all das einzufangen, mischt Chazelle seine Story aus Fiktion und Realität zusammen. Viele genannte Namen sind lediglich erfundene Gestalten, die Charakterzüge und Lebensereignisse mehrerer realer Personen miteinander vereinen. Dadurch, dass wir uns mittlerweile rund 100 Jahre nach der Filmhandlung befinden und uns längst über die Machenschaften des Business im Klaren sind, wirkt jedoch alles so echt und authentisch, dass „Babylon“ in all seiner Verrücktheit auch stets einen Hauch Melancholie mitgeben kann. Die Tragik der einzelnen Figuren kann emotional zwar nicht so packen wie es wünschenswert wäre, doch mittels geschickter Arrangements zeichnet Chazelle seinen Charakteren eine Geschichte, verleiht ihnen Tiefe und lässt sie wie Menschen erscheinen. Das macht den Film nahbar, auch wenn sich die Handlung im letzten Drittel ein wenig verliert, weil Chazelle plötzlich zu viele Themen eröffnet, die gar nicht hätten vertieft werden müssen um das große Ganze zu kreieren.

Es lässt sich möglichweise schon herauslesen: „Babylon“ ist ein großer Film geworden, voller Ambitionen, Ideen und unglaublicher Bilder. Nicht frei von Schwächen, aber eine facettenreiche Hommage an eine extravagante Zeitspanne, die den Grundstein für das gelegt hat, was wir heute als völlig selbstverständlich empfinden. Ein Film der alten Schule, der in seiner Ausrichtung ein wenig an Tarantinos „Once upon a time in Hollywood“ erinnert, und das nicht nur aufgrund einer Kinoszene, in der die fantastisch aufspielende Margot Robbie im Kino sitzt und ihren eigenen Film bestaunt. Auch die Atmosphäre ist ähnlich, insbesondere wenn sich die Story zurücknimmt und der Inszenierung die Bühne überlässt. Genügend Zeit hat „Babylon“ in seinen drei Stunden dafür, von denen jede einzelne eine eigene Grundstimmung besitzt. Insgesamt ließe sich sicherlich eine halbe Stunde streichen, doch trotz üppiger Laufzeit ist das Werk nie langweilig, weil es stets unberechenbar bleibt und enorm von der Klasse seiner Akteure profitiert. Als gegen Ende beispielsweise Tobey Maguire mit sonnengelben Zähnen in die Kamera grinst, entwickelt sich in den folgenden Minuten urplötzlich eine beinahe horrormäßige Spannung voller grotesker Visualitäten, die so gar nicht zum Rest passen will, die Intention des Films und vom Medium per se aber perfekt auf den Punkt bringt. Wer Kino liebt, darf Chazelles Zeitreise auf gar keinen Fall auf der großen Leinwand verpassen. 

Fazit

Früher war alles besser – oder? Damien Chazelle lässt in „Babylon“ eine goldene Zeit aufleben, in der Hollywood im ekstatischen Bilderrausch die Herzen im Sturm eroberte, um sie postwendend in seiner Maschinerie zu zertrümmern. Ein dreistündiger Rausch voller Frivolitäten und unglaublicher Szenen, der nur gegen Ende einen Kater hervorruft, weil die Sektflöte vor lauter Themen überzulaufen droht. Ansonsten sei dieses Erlebnis jedem empfohlen, der pure Kinomagie und Elefantenkot schon immer zusammen auf der Leinwand erleben wollte. Ab dem 19. Januar im Kino!

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

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Bilder: (c) Paramount Pictures