Kazuo Ishiguro verfasst eine englische Adaption von Akira Kurosawas „Ikiru“ und holt sich Regisseur Oliver Hermanus zur Hilfe, um seine Vision auf die Leinwand zu bringen: Dass das Ergebnis namens „Living“ nicht ganz ein sein japanisches Vorbild herankommt, ist keine Überraschung, was aber nicht bedeutet, dass der Film nicht dennoch einen Blick Wert ist.

Von Natascha Jurácsik

Mr. Williams (Bill Nighy) ist ein Bürokrat wie er im Buche steht – Pünktlichkeit, Ordnung und Routine bestimmen seinen Alltag. Als er jedoch von seinem Arzt eine schwere Diagnose mit kläglichen Aussichten erhält, will er noch ein letztes Mal versuchen zu leben. Dabei trifft er auf exzentrische Charaktere, lernt alte Bekannte auf eine neue Art besser kennen und vollbringt schließlich sogar eine gute Tat.

Natürlich kommt man bei einer solchen Geschichte um ein gewisses Maß an Sentimentalität nicht herum, doch Bill Nighys hervorragende Performance und die Ehrlichkeit, mit der „Living“ an das Thema herangeht, entschuldigen die leichte Melodramatik im Großen und Ganzen. Hermanus versteht es, die Kamera bewusst als erzählerisches Mittel einzusetzen: Dank Beleuchtung, Kameraführung und Bildkomposition wirken die Szenen geradezu malerisch und fangen die jeweilige Stimmung sehr gut ein. Optisch ist der Film absolut gelungen.

Auch Ishiguro hat seinen Teil mehr oder weniger erfüllt: Die Dialoge sind literarisch – was von seiner eigentlichen Tätigkeit als Romanautor zeugt – und behalten trotzdem genügend Realismus, um nicht aufgesetzt oder allzu philosophisch zu wirken. Allerdings schwächelt es dann doch etwas am Handlungsaufbau, denn dem Drehbuch fehlt ein wesentlicher Teil: der zweite Akt. Die Story erreicht nach der ersten Stunde einen Punkt, ab dem sie etwas planlos umherfließt, ohne eine narrative Richtung erahnen zu lassen. In den letzten 20 Minuten fängt sich „Living“ wieder und bringt die Geschichte zu einem befriedigenden Abschluss. Aber der fehlende Mittelteil sorgt definitiv für einige Minuten verwirrter Erwartung beim Publikum und unterbricht die Dramatik, was einer solch emotional geprägten Handlung nicht wirklich dienlich ist. Hier hätte sich Ishiguro die Konstruktion seines Drehbuches genauer ansehen müssen, um dem Inhalt ganz gerecht zu werden.

Dieses Problem haben die Schauspieler definitiv nicht. Bill Nighy glänzt in seiner Rolle als strenger, doch überraschend empfindsamer Gentleman und auch seine Kollegen lassen sich nichts zu Schulden kommen. Besonders Tom Burke (Sutherland) sticht in seiner kurzen Erscheinung als exzentrischer Schriftsteller hervor und Aimee Lou Wood (Margaret Harris) versüßt die Stimmung mit unschuldigem Charme.

Ebenfalls fantastische Arbeit leistet Komponistin Emilie Levienaise-Farrouch mit dem Soundtrack: Klar angelehnt an die Filmmusik der 1950er glänzen die Lieder im klassischen Orchesterstil und wissen zugleich, wann sie in den Hintergrund treten und den Ton auf verschiedenste Art unterstreichen sollen.

Fazit

Sentimental, aber auf gekonnte Weise: „Living“ ist ein britisches Drama mit Charme, hervorragender Besetzung, fantastischer Optik und belebender Musik. Trotz des schwachen Mittelteils kann man Ishiguros Projekt als gelungen bezeichnen – nicht zuletzt dank des Regisseurs Oliver Hermanus. Wer sich gerne im Kino eine kleine Träne verkneifen möchte, sollte sich den Film unbedingt ansehen, allein schon wegen Bill Nighy. Ab 20.1. im Kino (Ö).

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

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Bild: (c)Sony Pictures