Kaum ein Gegenwartsregisseur schafft es wie Quentin Tarantino, alle Kategorien Filmfans gleichermaßen zu begeistern: Vom unregelmäßigen Kinogänger zum Blockbuster-Fan, vom fimhistorisch interessten Cineasten bis zum Arthouse-Fan, alle stehen sie auf der Matte, wenn der Kultregisseur seinen neuesten Film ins Kino bringt. Über „Once Upon A Time… In Hollywood“ weiß man schon vieles, zum Beispiel, dass der Cast mit Stars ohne Ende in Haupt- und Nebenrollen besetzt ist; dass er, so Tarantino selbst, „wie Pulp Fiction“ sein soll; und dass seine Premiere in Cannes prompt zu Überraschendem (der Meister bat die anwesenden Journalisten inständig, vorab nicht zu viel über den Film zu verraten) und Trivialem (eine Fast nicht-Antwort von Tarantino bezüglich der Rolle von Margot Robbie führte zu einer Nicht-Story über seine angebliche Arroganz/Sexismus/Unmenschlichkeit etc.) führte.

von Christian Klosz

Ab morgen, 15.8., ist der Film nun auch bei uns in den Kinos zu sehen. Zusammenfassend lässt sich sagen: Kein großer Wurf, aber ein solider Film. Phasenweise überraschend „entspannt“, zurückgenommen, entschleunigt, geradezu melancholisch und nostalgisch. Durchaus ungewöhnlich für einen Tarantino-Film. Aber qualitativ dennoch etwas hinter seinen Großwerken wie „Inglorious Basterds“ oder „Django Unchained“.

Inhaltlich ist der Titel Programm: Der Film erzählt uns die Geschichte von Rick Dalton (Leonardo Di Caprio), einem ehemaligen Hollywood-Star alten Zuschnitts, dessen Stern im Sinken begriffen ist, der keine ordentlichen Rollen mehr erhält, und deshalb sein Geld mit Auftritten in Fernsehserien und Italo-Western verdient. Stets in seiner Gesellschaft: Cliff Booth (Brad Pitt), sein Stunt-Double, dazu bester Freund und sowas wie sein „Babysitter“, der seine Frau getötet haben soll, so heißt es, und deswegen auch Schwierigkeiten hat, an ordentliche Jobs zu kommen. Neben Rick wohnen Sharon Tate (Margot Robbie) und Roman Polanski, die eben dort eingezogen sind. Und Rick wittert seine Chance, über den Kontakt zum gefeierten Jungregisseur Polanski endlich wieder an ordentliche Aufträge zu kommen.

Das wäre die Ausgangslage von „Once Upon A Time…“ – ein nicht unbedeutender Nebenschauplatz (der am Ende zum Hauptschauplatz werden soll) tut sich auf, als Cliff über die Bekanntschaft mit einem Manson-Girl plötzlich in dessen Sekten-Community landet, und die seltsamen Vorgänge dort aus nächster Nähe beobachten kann. Die bisherigen Ausführungen deuten es bereits an: Dramaturgisch ist der Film wenig stringent. Es wird zunächst ein Setting etabliert (die „schöne alte Zeit“ im Hollywood der End-60-er), innherhalb dieses Settings kleinere und größere Episoden aus den jeweiligen Leben der Protagonisten erzählt.

Das ist nicht ungewöhnlich für Tarantino, auch nicht grundsätzlich falsch, verhindert aber eben auch einen gewissen Spannungsaufbau. Wie Cliff Booth mit seinem Wagen „driftet“ der Film durch seine fast 3 Stunden Laufzeit. Dass aber dennoch keine Langeweile aufkommt, liegt einerseits an Tarantinos erzählerischem Talent, aber noch mehr an dem melancholischen Vibe, den der Film ausstrahlt: Weniger Wut, Hybris oder Rachegefühle (wie in der Vergangeheit) scheinen das Werk zu prägen, vielmehr Nostalgie. Irgendwo stand in Bezug auf den Film zu lesen „ein altersmilder Tarantino“ – und das trifft es eigentlich ganz gut. „Once Upon A Time…“ ist eine filmische Hommage geworden, eine Liebeserklärung an eine Ära, die längst vorbei ist.

Schauspielerisch bewegt man sich durchwegs auf solidem Niveau, auch wenn Di Caprio in seiner „bösen“ Rolle in „Django Unchained“ sein Over-Acting-Talent mehr zur Geltung bringen konnte, und Brad Pitt in „Inglorious Basterds“ einfach witziger war. Zu Margot Robbies Leistung lässt sich wenig sagen, da ihre Rolle einfach zu klein ist – ebenso übrigens wie jene Von Al Pacino, Bruce Dern, Zoe Bell oder Luke Perry.

Es ist also ein sehr ungewöhnlicher Tarantino-Film geworden, der definitiv eine immersive Erfahrung darstellen kann. Wer aber vor allem das Talent des Regisseurs schätzt, blutige Actionszenen kreativ zu inszenieren und mit schrägem Humor zu garnieren, wird mitunter etwas enttäuscht sein – von diesen Zutaten der Tarantino-Küche findet sich hier nur wenig. Nicht unerwähnt soll zum Schluss bleiben, dass auch in „Once Upon A Time…“ das Ende einen Twist bereithält, ähnlich wie in „Inglorious Basterds“, einen kreativen Schwenk, der es mit der historischen Faktenlage nicht so genau nimmt – Details werden hier nicht verraten.

Fazit

Insgesamt ist „Once Upon A Time… In Hollywood“ ein guter Film geworden, der sich qualitativ dennoch im unteren Mittelfeld von Tarantinos neun Werken ansiedelt. Die Vorzüge sind der „entspannte“ Erzählton, die Musik, die Bilder, die nostalgische Attitüde, die aber für den Zuschauer ebenso zum kleinen Nachteil werden können – je nachdem, was man sich von einem Tarantino-Film erwartet oder wofür man den Regisseur liebt: Da der Autor dieser Zeilen Tarantinos größtes Talent in der Inszenierung schräger, verrückter und morbider Gewaltsequenzen sieht, konnte ihn sein neuester Film nicht vollends begeistern – anderen mag und soll es dabei aber durchaus anders gehen.

Bewertung

8 von 10 Punkten

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C. KloszC. Brocker
hoff
M. Hollen
stein
E.
Leeb
D.
Krunz
P.KunzO
848384918284.8

Bilder: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH / Andrew Cooper