Nach dem letztjährigen Remake von „Mord im Orient-Express“ von Kenneth Branagh, das nicht überall mit Wohlwollen aufgenommen wurde, bringt 20th Century am 30.11. eine Agatha Christie-Erstverfilmung ins Kino, und zwar „Das krumme Haus“, nachweislich die persönliche Lieblingsgeschichte der bekannten Autorin. Der Film spult großteils solide sein Programm herunter, ohne je zu glänzen oder Charme und Esprit der alten Christie-Verfilmungen („Mord im Orient Express“ 1974, „Tod auf dem Nil“, „Das Böse unter der Sonne“) zu entwickeln, was auch am eher mauen Schauspiel und der äußerst farblosen Detektivfigur liegen mag.

Wie viele Christie-Geschichten spielt auch „Das krumme Haus“ im großbürgerlichen Umfeld Englands: Der 80-jährige Business-Tycoon Aristide Leonides, ein Mann mit eben so vielen Freunden wie Feinden und einer Menge Geld, verstirbt überraschend in seinem Herrensitz. Überraschend deshalb, weil er sich bester Gesundheit erfreute, und der Tod recht plötzlich kam. Die Polizei hat von Anfang an ihre Zweifel am von der Gerichtsmedizin attestierten „Herzinfarkt“, will sich aber vorerst noch nobel zurückhalten. Indes engagiert die Enkelin des alten Mannes, Sophia, den Privatdetektiv Charles Hayward, der an sich jeden Auftrag dringend brauchen kann. Aufgrund einer persönlichen Verstrickung in der Vergangenheit mit der Klientin sagt er zuerst ab, lässt sich schlussendlich aber doch darauf ein, Ermittlungen im Anwesen und bei den hinterbliebenen Verwandten anzustellen: Einer Meute von exzentrischen Egoisten, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Hayward versucht, die Intrigen rund um den Tod des teils geliebten, teils gehassten Vaters und Großvaters zu entwirren, um schlussendlich selbst in der Höhle des Löwen in Gefahr zu geraten…

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Klingt alles nach typischer Christie-Whodunit-Manier? Ist es auch – mit mehreren mittel- bis schwerwiegenden Problemen: Wo am Drehbuch nichts bis wenig auszusetzen ist, ist die Inszenierung öde bis mangelhaft. In keinem Moment mag so wirklich Spannung aufkommen, die Regie von Gilles Paquet-Brenner wirkt insgesamt eher einfallslos und ist arm an Höhepunkten. Hinzu kommt eine für heutige Filmproduktionen bemerkenswert schlechte Bildgestaltung und Kamera, so verschwimmen z.B. nicht nur einmal Gegenstände am Bildrand und im Hintergrund, einige Einstellungen wirken regelrecht „unscharf“.

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Wenngleich man über solche produktionstechnische oberflächliche Defizite gutmütig hinwegsehen kann, wiegen andere Probleme um einiges schwerer: Die Besetzung mit Max Irons als Ermittler Charles Hayward ist ein glatter Fehler. Mag sein, dass die Einfältigkeit seiner Figur an der literarischen Vorlage oder doch am Drehbuch liegt, jedenfalls schafft es Irons zu keinem Zeitpunkt, seinem Charakter Charakter einzuimpfen, oder genialistische Raffinesse oder spitzbübischen Esprit eines Hercule Poirot alias Peter Ustinov, interessante Eigenschaften eines Protagonisten, die viele frühere Christie-Verfilmungen gekennzeichnet hatten. Hayward wirkt meist wie ein zwar gutmütiger, aber etwas uninspirierter und einfallsloser Durchschnittstyp, der in der exklusiven Umgebung stets deplatziert wirkt. Inszenatorische oder narrative Kontrapunktierung kann theoretisch gut gedacht sein (der „einfache Typ“ a la Columbo, der durch seinen scharfen Verstand und seine Gerissenheit die Pläne der sich überlegen fühlenden Reichen und Mächtigen durchkreuzt) – funktioniert aber hier in der Praxis kaum. Konsequenterweise darf Hayward den Fall am Ende auch nicht alleine aufklären, vielmehr „ergibt“ sich die Lösung von selbst, und er ist meist nur Passagier beim Lauf der Dinge.

Fazit:

„Das krumme Haus“ als grundlegend gescheitert zu bezeichnen würde zu weit gehen, eher als soliden, aber ebenso entbehrlichen Versuch eine Neuauflage einer Agatha Christie-Story. Am Ende fügt sich der Film qualitativ in die Ansprüche jenes Mediums ein, für das er ursprünglich gedreht wurde: Das Fernsehen. Denn die Verfilmung lief bereits vor knapp einem Jahr im britischen TV – und wird nun, warum auch immer, von Fox bei uns in die Kinos gebracht. Wenn man bedankt, welche Filmkaliber derzeit keinen Verleih finden oder nicht auf der großen Leinwand zu sehen sind, eine eher fragwürdige Tatsache.

Bewertung:

6 von 10 Punkten

von Christian Klosz

 

Bilder: Twentieth Century Fox