Wir schreiben das 26. Jahrhundert: 300 Jahre nach dem „Fall“ tummelt sich die verbleibende Menschheit in Iron City, dem letzten Relikt der globalen Gesellschaft. Über der Metropole schwebt die Wolkenstadt Zalem, Heimat einer privilegierten Elite. Einzige Schnittstelle zwischen den Welten ist die Mülldeponie der eisernen Stadt, auf die das Reich im Himmel seinen Abfall niederregnen lässt. Mitten in diesem Unrat findet Cyberchirurg Dr. Ido (Christoph Waltz) den Kopf eines weiblichen Cyborgs mit engelsgleichem Antlitz. Der Arzt schenkt dem Geschöpf einen neuen Körper und nennt die Kreation Alita. Ohne Erinnerung an sein Vorleben erwacht das himmlische Wesen und entdeckt nicht nur die Welt um sich, sondern auch seine eigene Vergangenheit und mit ihr ungeahnte Kräfte.

Die Produktionsgeschichte von „Alita: Battle Angel“ liest sich wie eine Hollywood-Legende: 1998 empfahl Guillermo Del Toro James Cameron einen japanischen Animationsfilm, basierend auf der Manga-Buchserie „Gunnm“ von Yukito Kishiro. Cameron war begeistert, schließlich entsprangen mörderische Mensch-Maschinen, die vom zweifelhaften Segen des technologischen Fortschritts künden, einst auch der Vorstellungskraft des „Terminator“-Schöpfers. Prompt verfasste er ein Drehbuch für eine Realverfilmung und widmete sich jahrelanger, akribischer Konzipierung. Letztlich gab Cameron aber seinem zweiten Herzensprojekt „Avatar“ den Vorzug und legte „Alita“ in die Hände von Robert Rodriguez, der nicht nur im Inszenieren rasanter Action, sondern auch im Erschaffen digitaler Bildwelten Erfahrung hat und Pionierarbeit auf dem 3D-Sektor leistete. Nach mehr als zwanzig Jahren in der Entwicklungsphase glückte die Herkulesaufgabe schließlich und „Alita: Battle Angel“ ist bereit, am 14. Februar zur Entscheidungsschlacht in die weltweiten Kinos zu ziehen.

Das Script, das vier Bände der neunteiligen Mangaserie zusammenfasst, spielt Rodriguez in die Karten, von kampflustigen Femme Fatales bis zur Dekonstruktion des menschlichen Körpers sind alle favorisierten Motive des Filmemachers vertreten. Cameron wie Rodriguez sind für recht unterschiedliche Outputs bekannt, ein Begriff kann aber keinem der beiden zugeschrieben werden, und der lautet Bescheidenheit. Diese wurde offensichtlich auch bei Auswahl der Besetzung nicht an den Tag gelegt. Neben den drei Oscarpreisträgern Christoph Waltz, Jennifer Connelly und Mahershala Ali bereichern Namen wie Jackie Earle Haley oder Michelle Rodriguez das Ensemble. Das Staraufgebot vor und hinter der Kamera lässt aufhorchen, kann das Ergebnis aber nicht vor dem Fluch retten, der Hollywood-Umsetzungen von japanischen Bildgeschichten anhaftet, denn auch „Alita“ ist nicht vom angestrebten Geist beseelt.

Während der Eröffnungsakt noch mit geschicktem World-Building in fantasievollen Kulissen aufwartet, verheddert sich der Rest allzu sehr im Netz der eigenen Mythologie und befeuert das Publikum mit immer neuen Konzepten, womit die eigentlich interessanten Aspekte des Filmkosmos aus dem Fokus verschwinden. Es wird spürbar, dass Episoden aus einem größeren Zusammenhang gerissen und gekürzt wurden, um ein möglichst detailliertes Bild der Welt zu zeichnen. Dass weniger oft mehr ist, bewahrheitet sich einmal mehr, denn die Komprimierung vollzieht sich auf Kosten von glaubhaftem Character Development und für die Story essentielle Figuren verkommen zu Stichwortgebern mit fadenscheinigen Motivationen.

Stattdessen reiht sich Setpiece an Setpiece, die überschwänglichen Materialschlachten verhüllen die Leere hinter der glänzenden Aufmachung aber nur dürftig. Natürlich sollte man von effekteüberladenem Unterhaltungskino grundsätzlich nicht viel Tiefgang einfordern, das Fehlen jeglicher Moral ist aber für eine dystopische Zukunftsfantasie, die üblicherweise der Gegenwart den Spiegel vorhält, schon recht ungewöhnlich.

Fazit:

Das düstere Cyberpunk Märchen von grimmscher Gewalt wird in der filmischen Auswertung als beliebiges CGI-Fest wiedergeboren und lässt ebendas vermissen, was den Cyborg-Mischwesen seines Universums abgeht: das menschliche Herz. Visuell zweifellos ein Meilenstein, kann „Alita“ aber die Gräben, die durch die selektive Auswahl des Quellenmaterials aufgerissen werden, nicht füllen.

Bewertung:

6 von 10 Punkten

von Daniel Krunz

Bilder: © 2019 Twentieth Century Fox

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