May ist vierzehn und hat ihr ganzes Leben vor sich. Die Freiheit, über dieses zu bestimmen, ist dem jungen Mädchen aber nicht gegeben, denn ihr Werdegang ist klar vorbestimmt: Als frischgebackene dritte Ehefrau eines wohlhabenden Gutsherren hat sie ihrem Mann zu dienen und ihm Nachwuchs zu gebären. – Keine ungewöhnliche Geschichte im Vietnam des 19. Jahrhunderts, jedoch wird die Erzählung noch einige Wendungen erfahren, die in diesem Kontext getrost als revolutionär tituliert werden können.

Inspiriert von der Biografie ihrer eigenen Urgroßmutter schrieb und inszenierte die Filmemacherin Ash Mayfair ein Debütwerk, das sich sehen lassen kann. Atemberaubende Naturkulissen werden malerisch in Szene gesetzt und zum Schauplatz für ein knospendes Frühlingserwachen. Die blutjunge Hauptdarstellerin liefert eine erstaunliche Performance, wenn sie souverän zwischen kindlicher Neugier und ausgereifter Leidenschaft navigiert. Es sind ebendiese Gratwanderungen, die den Charakter so sympathisch und lebensnah werden lassen. Unabhängig von der fernen Epoche beobachten wir hier ein Mädchen, das ihre aufkeimende Sexualität erforscht, während ihr heranreifender Körper bereits längst vom Siegel der Sexualisierung gezeichnet ist.

Mayfair scheut sich nicht, die heikle Thematik resolut anzupacken und fasst die Protagonistin nicht mit Samthandschuhen an. Doch die Würde des Mädchens bleibt stets unangetastet und wird auch in Momenten der Unterwerfung bewahrt. Unzeigbares wird geschickt mit metaphorischen Gegenshots paraphrasiert, die sich aus dem Fundus der umliegenden Natur rekrutieren. Der Film setzt durchwegs auf derart unterstützende Symbolik, die einmal mehr und einmal weniger subtil ausfällt. Ein Mädchen reift zur Frau heran, während ein Schwarm Seidenraupen seine Metamorphose durchschreitet.

Die Fortführung der Blutlinie wird mit dem wiederkehrenden Motiv blutender Frauen unterstrichen. Die Bedeutung des Lebenssaftes als Konstituente bei den Stationen der Frauwerdung wird überdeutlich: Menstruation, Entjungferung, Geburt.

„The Third Wife“ möchte seine Akteurinnen aber nicht in bemitleidenswerte Opferrollen drängen oder die Passionsgeschichte geknechteter Frauen zeichnen. Der vornehmlich weibliche Cast mimt Frauen, die wissen, was sie wollen, auch wenn ihre Lebensumstände die Erfüllung dieser Wünsche nicht erlauben. In seinem Herzen ist das Schauspiel eine ungewöhnliche Coming of Age – Geschichte unter denkbar schwierigen Voraussetzungen, von denen auch der männliche Nachwuchs des Patriarchen betroffen ist, der sich mit allen Mitteln seiner arrangierten Eheschließung widersetzt und damit verhängnisvolle Reaktionen hervorruft. Der allseits mitschwingende Grundton erzählt von der Unmöglichkeit wahrer Liebe in einem strengem System wechselseitiger Verpflichtungen, das gleichermaßen von Tradition und Religion bestimmt ist. Allein die Vertreter und Vertreterinnen der jungen Generation wagen es, über den Tellerrand hinaus zu blicken und ihre eigenen Bedürfnisse über die Anforderungen der Gesellschaft zu stellen, sei dies Unterfangen nun von Erfolg gekrönt oder nicht.

Begleitet wird die emanzipatorische Erzählung von einem hochsonoren Soundtrack, der sich zu einem Teil aus traditioneller vietnamesischer Musik, zum anderen aus prominent eingeflochtenem Ambient Noise zusammenstellt. Das Rauschen von Wald und Fluss, die trotz implizierter Freiheit die Grenzen von Mays Lebenswelt markieren, übertönt ihre dahin geflüsterten Wünsche und wird faktisch zur aussagekräftigsten Stimme im abgebildeten Mikrokosmos.

Fazit:

Ash Mayfairs Debütwerk behandelt die Tragik vom Gefangensein in einem überkommenen System, jedoch nicht ohne zeitweise erleichternde Hoffnungsschimmer zu streuen. Eingehüllt wird das geruhsame Kunstwerk von ästhetischen Bildfolgen und sphärischen Klängen. Ursprünglich sinnliches Kino, das Augen, Ohren und Herz anspricht.

Rating:

85/100

von Daniel Krunz

Der Film wurde im Rahmen der Frauenfilm-Tage 2019 in Wien gesehen, wo er als Eröffnungsfilm gezeigt wurde.

Bild: © Mayfair Pictures

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